"Bonds sind wie Kakerlaken"
Die Eiszeit kommt

John Butler trägt keinen Lendenschurz sondern Anzug und Krawatte. Er jagt auch keine Säbelzahntiger oder Mammuts. Er ist eher hinter den Dollars auf den internationalen Finanzmärkten her. Doch Butler ist überzeugt: "Die nächste Eiszeit steht vor der Tür."

NEW YORK. Der 33-jährige Kalifornier ist kein Paläontologe, sondern Anleihe-Experte bei Dresdner Kleinwort Wasserstein in London. Mit der letzten Eiszeit meint er auch nicht die Kältephase, in die unser Planet vor 20 000 Jahren geriet, sondern das frostige Klima, das die Kapitalströme in den 60er Jahren eingefroren hat.

Jetzt ist wieder eine solche "Eiszeit" im Anzug. Alle Zeichen deuten darauf hin: Niedrige und dauerhafte Inflation, richtungslose Aktienmärkte, Firmen, die keine Preiserhöhungen durchsetzen können, und Gewinne, die kaum über dem allgemeinen Wirtschaftswachstum liegen. In der "Eiszeit" steigen die Risikoaufschläge auf Aktien gegenüber sicheren Staatsanleihen. "Mit Aktien ist in diesen kühlen Tagen nicht mehr zu holen als mit Anleihen oder am Geldmarkt", bringt es Butler auf den Punkt. Zweistellige Gewinnraten sind unwahrscheinlich. Aus Sicherheitsaspekten sind Anleihen den Aktien vorzuziehen.

Die Zahlen sprechen für sich. Seit Anfang 2000 brachten US-Bundesanleihen Erträge von 32 % und Anleihen aus der Eurozone 20 %, hat die Investmentbank Lehman Brothers ausgerechnet. In der selben Zeit verlor der Aktienindex S&P 500 38 %, der MSCI Euroindex rutschte gar 45 % ab.

Auch Anleihen sind nicht gegen alles gefeit. US-Staatspapiere sanken kürzlich auf ein 40-Jahres-Tief - die Verzinsung der zehnjährigen US-Papiere lag vergangene Woche bei unter 4 %.

Eine Zahl, an die man sich gewöhnen muss. Zumindest wenn es nach Butler geht. Der kalifornische Finanzstratege verkündet Fondsmanagern schon lange, dass sie sich mit Renditen um die 4 %-Marke vertraut machen sollten. Auf diesem Niveau könnte der Anleihenmarkt für Jahre eingefroren bleiben.

Noch ist die Eiszeit nicht da, aber die globalen Finanzmärkte steuern unausweichlich auf sie zu. Investoren müssen sich jetzt warm anziehen. Wer an weitere Zinssenkungen glaubt, sollte Staatspapiere den Unternehmensanleihen vorziehen, rät Butler. Wenn an der Zinsschraube allerdings nichts mehr zu drehen ist, erwartet Butler zwar noch keine Bullen am Aktienmarkt. Er glaubt jedoch fest daran, dass Unternehmensanleihen dann Staatsanleihen schlagen werden.

Was sagen andere Experten zur Eiszeit-These? Viele finden sie etwas zu weit gegriffen. Für Michael Simcock von T. Rowe Price Associates in London ist die Eiszeit "nicht unser Basis-Szenario". Gleichzeitig gibt der Fachmann für Festverzinsliche zu, dass Butler in vielen Dingen Recht hat.

Auch er sieht in der gegenwärtigen Situation Parallelen zu den späten 60er und frühen 70er Jahren: Steigende Staatsschulden, ein hoher Ölpreis und ein Krieg - drei Dinge, die die Inflation anheizen.

Sein Kollege Ian Fishwick von Credit Suisse First Boston empfiehlt daher, sich bei Staatanleihen auf Langläufer zu beschränken. "Die Rendite wird sicherlich fallen, aber für Unternehmensanleihen wird die Eiszeit erst recht furchtbar werden", sagt Fishwick.

Albert Edwards von der Dresdner Bank hat schon vor Jahren prophezeit: "Bonds sind wie Kakerlaken. In der Eiszeit werden sie die Stärksten in der Investment-Welt sein."

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