Boris Becker bleibt ein freier Mann und beklagt sich anschließend über die Steuerfahnder
Patriot auf Bewährung

Direkt nach dem Urteilsspruch konzentrierte er sich wieder auf seine Kernkompetenz und eilte zu seinem Lieblings-Talkmaster Reinhold Beckmann ins TV-Studio.

MÜNCHEN. Ganz fix waren sie mit der Pressemitteilung bei der Hand. Die Mitarbeiter der Münchener Agentur Lübmedia standen vor den Türen zum Sitzungssaal und versorgten nach Urteilsverkündung und-begründung die aus dem Saal strömenden Journalisten mit der offiziellen Stellungnahme des soeben um eine Haftstrafe herumgekommenden Angeklagten. Mit Dachzeile ("Boris Becker nach dem Urteil im Steuerprozess"), Titelzeile ("Ich bin frei - das ist das Wichtigste"), Untertitel ("Anwälte freuen sich über Prozessergebnis") und Münchener Ortsmarke. Man merkte halt, dass Lübmedia-Chef Robert Lübenoff ein ehemaliger Vertreter der schreibenden Zunft ist.

Sein prominenter Kunde war zu diesem Zeitpunkt längst aus dem nüchternen Gerichtsgebäude an der Nymphenburger Straße entschwunden. Ohne Wortbeitrag. Den lieferte er dann am Abend ausführlich nach, in einem 45-minütigen Boris-Special bei seinem Lieblings-Talkmaster Reinhold Beckmann. Der zweite Verhandlungstag vor der Vierten Strafkammer des Landgerichts München I dauerte kaum länger, und er bescherte dem schweigenden Becker kein böses Ende.

Der jüngste Wimbledonsieger aller Zeiten blickte fast durchgehend in eine Richtung, kaute Kaugummi und und war unheimlich cool. Mit zwei Jahren Haft zur Bewährung und insgesamt 500000 Euro Bußgeld (davon 200000 Euro an gemeinnützige Einrichtungen) kann er gut leben. Er kann sich weiter über Tennis-Schaukämpfe ein paar Euro dazu verdienen, seine beliebten Partyauftritte zelebrieren und bleibt weiterhin der unverzichtbare Schlagzeilen-Garant für Bild, Bunte und andere bunte Blätter.

Der ständige Boris-Becker-Beauftragte der Bild-Zeitung war jedenfalls ziemlich froh ob des eher akzeptablen Urteils. Dabei hatte er zuvor noch gescherzt, dass er die Zelle neben Becker bereits gebucht habe. Später meinte er allerdings erleichtert: "Vielleicht ist es doch ganz gut, dass es so gekommen ist. So toll wäre das mit Brot und Wasser ja auch nicht geworden."

So richtig geglaubt an den eingesperrten Boris hatten offenbar eh nur die wenigsten. Spätestens als die bestimmende, aber letztlich joviale Richterin Huberta Knöringer ("Herr Becker, was machen Sie jetzt eigentlich beruflich so?") und eine nicht minder freundlich dreinschauende Schöffin um halb Zehn lächelnd den Sitzungssaal betraten, konnte dies allein optisch nicht der Moment sein, der den Hero hinter Ginter bringen würde.

Der nach Aussage seines Anwalts Jörg Weigell "als Werbe- und Sympathieträger" arbeitende Becker hatte sich durch eine millionenschwere Überweisung in die Staatskasse vor Prozessbeginn die Güte der Urteilenden erworben. Und das abgelegte Geständnis hatte wohl auch nur bedingte Glaubwürdigkeit, denn schon in seiner Pressemitteilung polterte Becker mit harschen Worten gegen seine Verfolger: "Am 19. Dezember 1996 stürmte ein Untersuchungs-Trupp der Steuerfahndung in die Becker-Villa. Dabei wurde die gesamte Privat- und Intimsphäre der Beckers durchwühlt."

Die Richterin, die die Sportgröße wegen Steuerhinterziehung in Höhe von rund 1,7 Millionen Mark verurteilt hatte und nicht der Forderung der Staatsanwaltschaft (dreieinhalb Jahre) gefolgt war, wird es mit Interesse gelesen haben. Zuvor hatte sie Becker noch ein paar gut gemeinte Ratschläge mit auf den Weg gegeben: "Ich möchte in steuerlicher Hinsicht nichts mehr von Ihnen hören." Während der Angeklagte das Urteil akzeptierte, ließ sich Staatsanwalt Matthias Musiol die Möglichkeit einer Revision offen. Zu rechnen ist damit nicht, wenngleich er trotzig sagte: "Grundsätzlich hätte der Angeklagte in den Vollzug gehört."

Kaum ausgesprochen, munkelten Prozessbeobachter schon wieder über ein abgekartetes Spiel. "Das Ganze war inszeniert, bis hin zur Enttäuschung des Staatsanwalts", hieß es. Den Medienberater Lübenoff, der sich gern "Lüb" nennen lässt, ließ das kalt: "Normalerweise bin doch ich für die Inszenierungen zuständig. Folglich müsste ich mir jetzt kräftig auf die Schultern schlagen." Übrigens: Eine vorbeireitete Pressemitteilung für den Fall einer Gefängnisstrafe gab es nicht.

Sei?s drum. Anwalt Weigell befand gegenüber dem Handelsblatt, dass das Urteil "voll der Linie der Münchener Staatsanwaltschaft entspricht". Gegenpart Musiol wäre eher "ein bisschen tougher aufgetreten als erwartet". Bei der Frage nach dem angeblichen Deal lächelte er. Wer zum Interpretieren neigt, hätte wohl gesagt: Er lächelte, naja, irgendwie vielsagend. Sein Mandant kann seine Tennis-Revival-Tour jedenfalls durchziehen und wird demnächst in Dänemark, Puerto Rico und Frankfurt gegen andere altgediente Centre-Court-Darsteller antreten - schön. Ach, und dann war da noch die Frage, ob der globale Boris weiter deutscher Steuerzahler bleiben werde. Sein Öffentlichkeitsarbeiter Lübenoff spricht dazu in Rätseln: "Boris ist Patriot. Aber das, was passiert ist, hat ihm sehr, sehr weh getan."

Quelle: Handelsblatt

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