Boris Johnson
Der Perikles von London

Londons neuer Bürgermeister Boris Johnson sieht wie ein übergewichtiger Lateinschüler aus, als er an seinem ersten Arbeitstag ins Rathaus radelt, wie immer mit der ledernen Schultasche über dem Rücken, in weißem Hemd und Krawatte. Neu ist nur das Polizeifahrzeug, das vorneweg fährt. Doch der Schein trügt.

LONDON. Nicht nur die Polizei hat jetzt ein Auge auf "Mayor Johnson". Die Presse, lästerte der Ex-Journalist, warte "wie hyrkanische Tiger auf die Beute, die ihr schon so lange entging, den großen Johnson-Schnitzer". Der Mann ist eben altphilologisch gebildet.

Im Rathaus lässt Johnson dann, vielleicht um den Kollegen zu helfen, gleich die Trennwände in der Chefetage abmontieren. "Schluss mit der Cliquenwirtschaft", lautet seine Devise. Wie Perikles im alten Athen will er London regieren: demokratisch, liberal, bürgernah und ein Vorbild zivilisierter Bürgerlichkeit.

Dann beginnt er, die Administration seines Vorgängers Ken Livingstone "auf humane Weise zu euthanisieren". Livingstone erhält 70 000 Pfund Abfindung und kann seine Memoiren schreiben. Johnson hat mit einer strengen Buchprüfung begonnen, um Verschwendung im Stadthaushalt auszumerzen, und seinen Stab "stellvertretender Bürgermeister" ernannt. Er will die Rolle eines geschickten Aufsichtsratsvorsitzenden spielen; ein Kabinett aus kompetenten Verwaltungsleuten aus Londoner Stadtgemeinden mit konservativem Parteibuch werden die Tagesarbeit machen.

Umstrittenster unter ihnen ist Londons neuer Planungschef, Sir Simon Milton. Er war bisher Gemeinderatsvorsitzender von Westminister und machte sich einen Namen durch seinen Kampf gegen die zentralen Planungsbefugnisse, mit denen Ken Livingstone oft selbstherrlich die Entwicklungspläne der 32 Stadtgemeinden durchkreuzte - zum Beispiel mit den Hochhausbauten, mit denen Livingstone eine saftige Steuer auf "Planungsgewinne" kassierte. Hochhäuser seien Livingstones "Fetisch" geworden, kritisierte Milton, für London seien sie "eine Katastrophe".

Johnson will den Zentralismus abbauen, die Londoner "Borroughs", die Stadtgemeinden, wieder in ihre alten Rechte einsetzen und London als grüne Flächenstadt erhalten, wo man bis ins Zentrum noch sein Gärtchen hinterm Haus haben kann.

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