Borussia Dortmund muss trotz seines Luxuskaders um die Qualifikation für die Champions League bangen
Pommes schwarz-gelb

Die Berufsauffassung vieler Dortmunder Profis scheint derzeit nicht zu stimmen. Im Wochentakt kritisieren die Verantwortlichen des börsennotierten Fußballvereins ihre teuren Angestellten: Die Fußballer würden lieber auf der Couch Junk-Food essen als zu trainieren.

DORTMUND. Wer einmal hautnah erleben wollte, wie es aussieht, wenn die Führungsriege eines Fußballunternehmens in kollektive Ratlosigkeit verfällt, der musste sich in den vergangenen Tagen bei Borussia Dortmund umhören: Nach dem peinlichen 2:2 gegen den VfL Wolfsburg ätzte Trainer Matthias Sammer in der Pressekonferenz und überschüttete seine Profis mit beißender Kritik.

Sammer hatte bereits vor der erneuten Minusleistung die fehlende professionelle Lebensweise einiger seiner Untergebenen mit den Worten gerügt, niemand dürfe sich über fehlende Kraftreserven wundern, der "mit Cola und Pommes rot-weiß auf dem Sofa liegt". Nun empfahl Sammer seinen "Pommes-Profis" (Bild), sich stattdessen körperlich zu ertüchtigen: "Wenn ich das Gefühl habe, keine 90 Minuten durchhalten zu können, kann ich abends um 18 Uhr wunderbar die Laufschuhe anziehen und 25 Minuten laufen gehen."

Der sehr ehrgeizige BVB-Trainer wirkt zunehmend genervt und frustriert von der fehlenden Motivation seiner Mannschaft im Saisonendspurt. Sammer fordert von seinen Zöglingen unmissverständlich, ihre Belange selbst in die Hand zu nehmen. "Ich kann nicht als Trainer alles vorgeben und dreimal täglich Training ansetzen. Wenn ich Profi mit Leib und Seele bin, muss da mehr Eigenverantwortung kommen."

Unten in den Katakomben verkündete Sportmanager Michael Zorc das genaue Gegenteil. Fußballer, wie sie in Dortmund unter Vertrag stehen, seien zu behandeln wie verhaltensauffällige Teenager auf der Klassenfahrt: kurze Leine, klare Verhaltensvorgaben. "Mit Eigenverantwortung", so Zorc, "kommst du im Fußball nicht weit. Du musst alles vorgeben, das ist die Quintessenz." Tags drauf übte sich Manager Michael Meier in Überlebensrhetorik. Der jetzige Zustand sei ihm lieber, "als wenn wir ziellos im Niemandsland der Tabelle herumdümpeln würden".

Und dann gibt es da noch den Präsidenten, Gerd Niebaum. Der hatte nach der peinlichen Nullnummer bei 1860 München verkündet, die Dortmunder Mannschaft sei "selbstkritisch. Sie wird gegen den VfL Wolfsburg ein ganz anderes Gesicht haben." Weit gefehlt: Der BVB zeigte erneut das Gesicht einer lustlosen Truppe, die ziel- und planlos dem Saisonende entgegentaumelt. Den knapp 70 000 Zuschauern, die sich die Heimbegegnungen im Westfalenstadion mit an Masochismus grenzender Regelmäßigkeit anschauen, muss das vorkommen wie eine höhnende Fratze. Die Folge sind gellende Pfiffe und vernichtende Kommentare. Drei Spieltage vor dem Kehraus dieser Spielzeit haben die Dortmunder die Meisterschale längst an den FC Bayern München verloren, und - was weitaus besorgniserregender ist - die Qualifikation für die Champions League erscheint akut gefährdet. Gerade für den börsenorientierten Klub mit seinem Luxuskader sind die millionenschweren Zuwendungen durch die Uefa jedoch existenzsichernd. Doch solche Lappalien scheinen die balltretenden Arbeitnehmer nur peripher zu berühren.

Ein Umstand, der Sammer um Fassung ringen lässt: "Wenn es für den Klub um Leben oder Sterben geht", schimpfte der 35-Jährige nach der Pleite gegen Wolfsburg, "kann ich kein Spiel mit 60 Prozent betreiben und hinterhertraben." Seit Ende der Winterpause bemängeln in Dortmund sämtliche Entscheidungsträger die unzureichende Berufsauffassung ihres Personals, doch mit ihren Worten dringen sie nicht bis zu den Spielern durch. Im Gegenteil: Auch nach dem letzten Minimalistenkick konnte Stürmer Lars Ricken, der es bislang auf die beeindruckende Bilanz von zwei Saisontoren gebracht hat, mit der entlarvenden Analyse seines Trainers wenig anfangen. Mit frappierend fehlendem Gespür für die Brisanz, in die sich die kickenden Millionäre selbst manövriert haben, errechnete der Stürmer, "dass heute auch 60 Prozent gereicht hätten, wenn wir unsere Torchancen genutzt hätten". Besserung ist beim angeschlagenen Revierklub auf der Saison-Zielgeraden also kaum in Sicht.

Über fehlenden Berufsethos ist Dortmunds Trainer erhaben, dennoch ist seine Position im anhaltenden Abwärtstrend nicht mehr unumstritten. Zwar präsentiert sich Sammer trotz seines jugendlichen Traineralters weiterhin als erstaunlich gefestigte Persönlichkeit, doch häufen sich im Umfeld des BVB die negativen Anmerkungen zu seiner Arbeit. Viel zu lange habe Sammer seine lethargischen Profis vor sich hin werkeln lassen, er wechsele zu spät und zu wenig risikofreudig aus, bei 1860 München habe er viel zu defensiv agieren lassen - so und ähnlich lauten die Kritikpunkte.

Solche Statements sind aus der Dortmunder Chefetage freilich nicht zu vernehmen. Im Gegenteil: Dort stehen sie weiter felsenfest hinter dem Mann, der als Profi sämtliche Tugenden vorlebte, die seine Spieler derzeit so schmählich vermissen lassen. "Sammer hält die Borussia ständig an der Sonne", sagt Niebaum. "Wenn es einen gibt, dem wir die Meisterschaft verdanken, dann ihm." Sein Plädoyer für den Mann auf der Bank beschließt der BVB-Präsident mit einer rhetorischen Frage: "Wo wäre der Klub ohne ihn?"

Quelle: Handelsblatt

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