Borussia Dortmund stellt mit dem sechsten Bundesliga-Erfolg nacheinander einen neuen Vereinsrekord auf
Sieg trotz „Schnullibulli“

Dortmund ist neben Bremen derzeit die Mannschaft der Stunde. Gegen den Hamburger SV spielten Sammers Mannen schlecht und gewannen dennoch. Unterdessen nehmen die Spekulationen zu, dass der Energiekonzern Eon das Namensrecht am Westfalenstadion kauft.

Schlemil heißt er. Jeder, der die Sesamstraße gesehen hat, kennt ihn. Er bietet dort Buchstaben an. "Hey Du, willst Du ein ?A? kaufen?" Dieser Schlemil könnte bald in Gestalt eines großen Energie-Konzerns aus dem Westen Deutschlands bei Borussia Dortmund auf der Matte stehen und fragen: "Hey, darf ich Euch ein ,E? verkaufen?" Im Gegensatz zur Sesamstraße würde der Käufer bei diesem Deal sowohl den Buchstaben als auch das Geld bekommen.

Noch ist es - zumindest offiziell - nur ein Gedankenspiel von BVB-Fans, das im Internet-Fußballportal "kickbase.de" aufgegriffen wurde, aber: "Die Idee ist genial", gibt auch Dortmunds Sport-Manager Michael Zorc zu. Das Westfalenstadion, seit 1974 Heimspielstätte der Schwarz-Gelben, könnte demnach in "Westfalenstadeon" umgetauft werden - nur ein Buchstabe müsste an der Nordtribüne ausgewechselt werden.

Mit einem solchen Schritt flössen Millionen Euro in die Klub-Kassen der Borussia, die damit getreu ihrem Motto, in "Steine und Beine" zu investieren, ihre Heimstatt wieder einmal vergrößern könnte. Schon zwei große Ausbaustufen hat das Westfalenstadion hinter sich. Dabei wurde das Fassungsvermögen von 54 000 auf 68 800 Plätze erhöht. Bei internationalen Spielen, bei denen Sitzplätze zwingend vorgeschrieben sind, finden aber nur 52 000 Zuschauer Platz. Das ist zu wenig, um sich einen großen Dortmunder Wunsch zu erfüllen. "Wir wollen ein Halbfinale bei der WM 2006 sehen", bestätigte Manager Zorc am Samstag noch einmal.

Verhandlungen über ein "Westfalenstadeon"

Am Donnerstag wird Dortmund in Frankfurt seine Pläne als Bewerberstadt für die WM vorstellen. Der Zuschlag für ein Halbfinale setzt allerdings ein Minimum von 60 000 Sitzplätzen voraus. Daher liegt es nahe, sich für den Ausbau nach einem Partner umzusehen. Michael Meier hatte daraus in verschiedenen Gesprächen, auch bei Fan-Delegiertentreffen, keinen Hehl gemacht. Da Eon jetzt schon Trikotsponsor der Schwarz-Gelben ist und dadurch einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht hat, erscheinen Verhandlungen über ein "Westfalenstadeon" realistisch. "Es gibt aber derzeit definitiv keine Gespräche", wiegelte BVB-Pressesprecher Josef Schneck jedoch ab. Zorc bestätigte aber indirekt, dass die Idee im Hause des aus Veba und Viag hervorgegangenen Energieversorgers Eon bekannt ist: "Das liegt ja nahe."

Zudem könnte der mögliche Stadionsponsor im nächsten Jahr eine große Bühne haben. Mit dem 1:0-Arbeitssieg über den Hamburger SV stellten Sammers Mannen einen neuen Vereinsrekord auf - sie gewannen sechsmal in Folge. Nun träumen die Dortmunder zurzeit zurecht wieder von der Champions League im nächsten Jahr. Präsident Gerd Niebaum kleidet die Zielvorgabe Meisterschaft in folgende Worte: "Die Mannschaft ist berechtigt, neue Ziele zu definieren."

Mit der Leistung gegen den HSV wird das jedoch nicht leicht. Vor allem ihrem überragenden Torwart Jens Lehmann verdankten die Dortmunder den glücklichen Sieg. Daher widersprach auch keiner dem notorischen Tiefstapler und Schwarzseher, Trainer Matthias Sammer, als er nach dem Spiel feststellte: "Dass wir heute ein sehr gutes Bundesligaspiel gesehen haben, lag sicherlich nicht daran, dass wir berauschend gespielt haben." Da nur zwei Mannschaften auf dem Platz standen, war es also der HSV, der dafür gesorgt hatte. Vor allem in der zweiten Halbzeit waren die Hamburger feldüberlegen, Trainer Kurt Jara denn auch "mit der Leistung sehr zufrieden".

Sammer macht fehlende Siegrmentalität aus

Sein siegreicher Kollege Sammer haderte indes wieder einmal mit seinen Spielern und hatte bei einigen "fehlende Siegermentalität" ausgemacht. Die hätten gedacht, "wir werden schon gewinnen und ein bisschen Schnullibulli spielen". Was das denn sei, wollte ein Journalist wissen. "Es gibt da halt noch so ein paar Ost-Begriffe, die meine Spieler öfter zu hören bekommen."

Für Lars Ricken, der in der 50. Minute das entscheidende Tor schoss, war es kein Schnullibulli, sondern eine Art Bayern-Mentalität, mit der die Dortmunder auftraten: "Zur Zeit gehen wir raus und sind uns der Tatsache bewusst, dass wir das Spiel gewinnen werden." Einen möglichen Stadionsponsor dürften solche Worte freuen. Für einen "Westfalenstadeon"-Deal spräche zudem noch eine zweite Komponente: die Fans. Borussia Dortmund ist ein Traditionsverein, und bei der notwendigen Gratwanderung zwischen Tradition und modernem Wirtschaftsunternehmen haben die Anhänger in den vergangenen Jahren schon oft Zweifel bekommen, ob sie noch gelingt.

Eine komplette Umbenennung, etwa in "Eon-Arena" oder "Nike-Dome" würde mit Sicherheit zu einem Aufstand führen. Das würde noch schlimmer als in Hamburg, wo die Fans noch immer über die Umbenennung des Volksparkstadions in "AOL-Arena" murren. Auch die 30 Millionen Mark, die deshalb in die Hamburger Kasse flossen, ändern daran nichts.

In Dortmund würde es sicherlich auch einige Hardliner geben, die bei dem Austausch eines Buchstabens einen weiteren - unakzeptablen - Schritt auf dem Weg zur vollständigen Kommerzialisierung des Fußballgeschäfts sehen würden.

Die große Mehrheit aber dürfte kaum etwas dagegen haben, sich ein E für ein I vormachen zu lassen und schnell sagen: Mix it, Baby!

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