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Borussias Fans sind ballverliebt

Die Fans kaufen. Selbst viele Finanzprofis decken sich ein, weil sie Zeichnungsgewinne erwarten. Deshalb könnte der erste Börsengang eines deutschen Fußballclubs zum Erfolg werden. Aber es gibt Substanz-Probleme. Das zeigt die Roadshow des Borussia-Managements.

HB DÜSSELDORF. Neunzig Minuten lang haben Gerhard Niebaum und Michael Meier bereits geredet. Die beiden Geschäftsführer der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA haben Wachstumskurven erklärt, den neuen Trainer Matthias Sammer gelobt und Fragen nach der Zukunft des Transfersystems beantwortet. Meier will schon aufstehen, der Terminplan am ersten Tag der Roadshow ist eng. Da besteht einer der rund 150 Fondsmanager, Analysten und Anlageberater im proppenvollen Saal darauf, dass seine Frage noch nicht beantwortet sei: Er will wissen, wie hoch die geplante Eigenkapitalrendite und die Steuerquote seien.

Sekundenlang passiert nichts. Niebaum schaut fragend zu Meier, Meier starrt stumm geradeaus. Im Saal kommt Unruhe auf, vereinzelt wird gelacht. Endlich sagt Meier, er wolle sich noch nicht festlegen. "In den letzten Monaten habe ich gelernt, dass man Prognosen als börsennotiertes Unternehmen besser realisieren sollte", erläutert er. "Unser Geschäft ist aber sehr abhängig vom sportlichen Erfolg." Die Antwort auf die Frage nach Eigenkapital- und Fremdkapitalanteil kommt sofort: "Das möchte ich nicht sagen."

Seit Montag ist das Management von Borussia Dortmund auf Roadshow. Bis Freitag muss es Investoren in Frankfurt, London, Mailand, Wien und Köln die These verkaufen, dass ein Fußball-Club, ein noch nicht profitables Unternehmen aus der Branche Daum & Co., 220 bis 260 Millionen Euro wert sein soll. Dass eine Mannschaft, deren beste Spieler ständig durch Beinbrüche oder Sehnenabrisse ausfallen können, sich regelmäßig für die Champions-League qualifizieren kann und damit bis zu 40 Millionen Euro erzielt. Dass eine verpasste Qualifikation für den Europapokal durch die Einnahmen aus gerade erst aufgebauten Geschäftsfeldern wie Sportartikel, Internet und Reisebüro kompensiert werden kann.



Finanzexperten nehmen den BVB-Vorstand nicht ernst

Bei den Fans der Borussia haben es die BVB-Manager noch relativ einfach. Die Treffen mit den potenziellen Großanlegern aber sind für sie keine Heimspiele. Die Finanzexperten, selbst meist Fußballfans, schauen sich die Exotenshow der Herren Niebaum und Meier zwar neugierig an. Als Unternehmer nehmen sie die Männer aber nicht recht ernst. Wilfried Marco Thoerner etwa vermisst nach der Analystenkonferenz im Frankfurter Hauptquartier der Deutschen Bank die "Equity Story". Der selbstständige Anlageberater legt das Häppchen beiseite, von dem er gerade abgebissen hat, und senkt den Daumen. "So sehen das hier fast alle, das hat man auch drinnen gemerkt", sagt er und grinst hämisch in die Runde, als sei er fanatischer Schalke-Fan. Die Umstehenden nicken beifällig. Sein Nachbar setzt sogar noch einen drauf: "Angelsächsische Investoren hätten sich so was nicht bieten lassen", ereifert er sich und meint die unbeantwortete Schlussfrage.

"Das hat die Stimmung ein wenig verdorben", bestätigt ein Fondsmanager, der sich am Montag mit Niebaum und Meier zu einem der im Branchenjargon One-on-One genannten Einzelgespräche getroffen hat. Da haben sie ihn aber so weit überzeugt, dass er die Aktie kaufen will, "obwohl sie mit elf bis 13 Euro sehr hoch bewertet ist".

Auch andere Fondsmanager wollen zeichnen. Denn sie erwarten, dass die Aktie - getragen durch das Interesse der Privatanleger - einen guten Start hinlegt. "Zeichnungsgewinne nehmen schließlich alle gerne mit", sagt ein Manager der Dresdner-Bank-Fondstochter DIT. Langfristig aber bemängeln fast alle zu geringe Wachstumschancen.



Meier sieht Börsengang als dringend notwendig an

Der 50 Jahre alte Meier hatte bereits vor Beginn der Roadshow unerwartete Fragen geahnt: "Das ist ein bisschen wie beim Examen. Du weißt nicht, was auf dich zukommt", beschrieb er seine Erwartungen. "Wir mussten alles lernen: Was darf ich Analysten sagen, was darf ich ihnen nicht sagen, was müssen sie unbedingt wissen?"
Das war zwei Tage vor Beginn der Roadshow. Da verkaufte Meier seinen BVB selbstbewusst als Top-Anlage: "Spitzenreiter, was die Zuschauer angeht, Spitzenreiter in der Stadionauslastung; die nationalen TV-Einnahmen und das Geld aus Sponsoring und Merchandising sind uns auf dem jetzigen Niveau auch sicher", zog er so offensiv vom Leder, wie es der sonst oft mürrische Westfale eben kann.

Meier und Niebaum benötigen die 150 Millionen Euro, die ihnen die Anleger überweisen sollen. "Ohne den Börsengang hätten wir in spätestens drei bis vier Jahren gegen die spanischen, englischen oder italienischen Spitzenclubs keine Chance mehr", sagt Meier. 70 Millionen Euro schuldet der Club Kreditinstituten. Vor allem in den vergangenen Jahren hat das Management den BVB am finanziellen Abgrund entlangbalanciert. In der Bundesliga stürzte der Champions-League-Sieger 1998 auf Platz 10 ab, die Mannschaft qualifizierte sich zweimal nicht für den Europapokal, aber Spieler und Trainer strichen weiter rund 40 Millionen Euro im Jahr an Gehalt ein. Als das Geld knapp wurde, unterschrieb Niebaum im Frühjahr 1999 einen Vertrag mit der Hamburger Vermarktungsgesellschaft Ufa Sports. Die Agentur zahlte rund 35 Millionen Euro, kassiert dafür aber auf zehn Jahre üppige Provisionen - sogar für die Einnahmen aus der dezentralen Fernsehvermarktung, mit der sie eigentlich nichts zu tun hat. "Wir wären nicht pleite gewesen, aber wir hätten uns Spieler wie Lehmann, Wörns, Evanilson, Dede und Ikpeba in der Form nicht leisten können", erklärt Meier. Auch im Frühjahr 2000 brauchte der BVB dringend Geld - und verkaufte im Vorgriff auf den Börsengang 20 Prozent der KGaA-Anteile an die WGZ-Bank.

Solche Details interessieren Klaus Kuklinski nicht. Gerade hat Borussia Dortmund in Leverkusen 0:2 verloren. Aber die Fans, die nach Spielende enttäuscht durch die Stadiontore nach draußen drängen, vertrauen ihrem Management wieder. Ganz klar, Kuklinski kauft. "Gleich am Montag geh? ich zur Sparkasse." Die BVB-Aktie muss er haben. "Das ist mein Verein, da geh? ich 15 Jahre hin", sagt er und präsentiert stolz das schwarz-gelbe Trikot der vergangenen Saison, das sich gefährlich eng um seinen Bauch spannt. Auch Raphael Tatscheck vom Fanclub "Ambassadors" hat zwar gelesen, dass "außer Manchester United und Rom kein Club Geld bringt", aber "vielleicht kaufe ich ein paar Aktien, einfach damit ich welche habe".



Aktien-Vorbestellungen bereits im Wert von 20 Millionen Euro

Den leichten Teil des Projekts Börsengang haben Niebaum und Meier also gelöst. Die BVB-Mitglieder zeichnen. Sie haben Aktien im Wert von 20 Millionen Euro vorbestellt. Damit besäßen sie knapp 10 % des Clubs.

In den Banken rund um Dortmund ist die Euphorie zwar nicht so groß wie erwartet. Die Hotline, die die lokale Volksbank eingerichtet hat, blieb zunächst relativ still. "Vor allem der Montag war mager", sagt der Leiter der Vermögensberatung, Jürgen Somborn. Danach sei es aber besser geworden. "Es kaufen vor allem Fans", ergänzt ein Kollege aus dem Dortmunder Umland, aber er hat auch etliche Kunden, die mehr als 1000 Stück geordert haben. Von Euphorie will keiner reden, auch der graue Markt ist eher ruhig. Aber das Geschäft läuft solide, trotz abschreckender Schlagzeilen in den großen Anlegermagazinen: "ein Papier für Fußballverrückte oder echte Zocker", urteilt etwa die "Telebörse". "Focus-Money" empfiehlt "nicht zeichnen", und "Börse Online" warnt Aktionäre vor einem "Eigentor".

Niebaum und Meier können allerdings auf einen mächtigen Verbündeten setzen. "Die Deutsche Bank könnte sich einen Rohrkrepierer nicht leisten", sagt ein Analyst, der nicht genannt werden möchte. "Die werden mit aller Macht versuchen, das Ding durchzudrücken. Schließlich haben sie jetzt für Borussia Dortmund einen Apparat aufgebaut, den sie noch für weitere Fußballclubs nutzen möchten."

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