Boykottaufruf der Szene
Bertelsmann bricht zu neuen Online-Ufern auf

Die Kooperation zwischen Bertelsmann und Napster hat in der Musik-Szene für Aufruhr gesorgt. Im Internet wird sogar zu Boykottmaßnahmen gegen Napster aufgerufen.

ap FRANKFURT. Wenn sich ein lästiger Konkurrent nicht verdrängen lässt, sollte man ihn am besten kaufen. Nach dieser Maxime hat der Bertelsmann-Konzern jetzt eine Allianz mit dem umstrittenen Datentauschnetz Napster geschlossen. Damit wird das weitgehend anarchische Treiben beim Download urheberrechtlich geschützter Musiktitel von einem neuen Geschäftsmodell abgelöst - im Gespräch ist ein Abonnement-System mit Kosten von fünf Dollar (zwölf Mark) im Monat und die Verschlüsselung der bisher frei kopierbaren MP3-Dateien.

Die Nachricht löste in der Napster-Szene einen Sturm der Entrüstung aus. In Newsgroups (Internet-Diskussionsforen) wie alt.music.mp3.napster wurde am Mittwoch zum Boykott von Napster aufgerufen. `Zurück in den Untergrund!", hieß es in einem Newsgroup-Beitrag. Die Entscheidung für den `Ausverkauf" bedeute das Aus von Napster in seiner bisherigen Form. Andere Stimmen mahnten zur Gelassenheit: Mit Napster habe "etwas begonnen, was niemals sterben wird. Lasst uns das nicht vergessen!"

Tatsächlich hat sich das das Prinzip des freien Datenaustauschs unabhängig von Napster längst verselbstständigt. Mehr als 30 ähnliche, zumeist nichtkommerzielle `Peer-to-Peer-Netze" (kurz P2P genannt) sind inzwischen entstanden, die je nach Anzahl der gleichzeitig verbundenen Nutzer einige tausend oder mehrere Millionen Dateien anbieten. Die technische Grundidee ist ebenso einfach wie genial und findet inzwischen verstärkt Interesse bei Firmen wie Intel oder der IBM-Tochter Lotus. P2P bedeutet die gleichberechtigte Verknüpfung von Computern zu einem sich selbst verwaltenden Netz. Anders als im World Wide Web, dem größten Bereich im Internet, ist hier jeder Teilnehmer sowohl ein Client, der Daten aus dem Netz holt, als auch ein Server, der Daten für alle anderen bereitstellt. Die Verwaltung der zur Verfügung stehenden Dateien wird von Software-Agenten übernommen, die auch ohne zentralen Server in kürzester Zeit die gewünschten Informationen aus Millionen von Dateien ermitteln. Zwtl: Urteil im Fall Napster steht noch aus Annähernd zwei Millionen Musiktitel im MP3-Format standen am Mittwoch bei Napster (http://www.napster.com) bereit. Ein großer Teil davon ist urheberrechtlich geschützt - ihre Bereitstellung zum allgemeinen Download mithin rechtswidrig. Darauf weist die Zugangssoftware von Napster auch ausdrücklich hin: `Die Einhaltung der Copyright-Gesetze liegt in Ihrer Verantwortung." Doch darum haben sich viele Benutzer nicht weiter gekümmert: Gibt man im Napster-Suchfenster die Namen aktueller Popgruppen ein, so wird fast alles aufgelistet, was die Musikindustrie im Angebot hat. Der Verband der amerikanischen Tonträgerindustrie (RIAA) setzte denn auch alle rechtlichen Mittel gegen das in San Mateo ansässige Unternehmen ein. In den nächsten Wochen soll ein Urteil fallen.

Mit diesem Damokles-Schwert vor Augen hat sich Napster eineinhalb Jahre nach seiner Gründung durch den Studenten Shawn Fanning unter den Schutz eines starken Partners begeben. Die Bertelsmann Music Group (BMG) unterstützt Napster finanziell beim Aufbau eines kostenpflichtigen Abonnementsystems, das unter anderem den vollständigen Katalog der digitalen Musiktitel von BMG zur Verfügung stellt. Mit dem Start dieses Dienstes lässt BMG seine Klage gegen Napster fallen. Zugleich löst Bertelsmann so auch mit einem Schlag das Problem, dass die Internet-Nutzer bisher kaum eine Möglichkeit hatten, bei den Großen der Musikindustrie ebenso bequem einzelne digitale Songs zu beziehen wie bei Napster. Fraglich ist jetzt allerdings, ob die BMG-Konkurrenten und anderen vier Kläger gegen Napster - Sony, Warner, EMI und Universal - der Einladung folgen, sich an dem neuen Projekt zu beteiligen.

`Napster hat dem Musikvertrieb eine neue Richtung gewiesen", erklärte Bertelsmann-Vorstandschef Thomas Middelhoff, `und wir glauben, dass dies die Grundlage für bedeutende und aufregende neue Geschäftsmodelle bilden wird." Der Erfolg der Allianz mit der Bertelsmann eCommerce Group (BeCG) wird wohl entscheidend davon abhängen, wie viele der mehr als 37 Millionen Napster-Nutzer die Umwandlung des Dienstes mitmachen. Umfragen zufolge soll die Bereitschaft für die Zahlung einer Abonnementsgebühr durchaus vorhanden sein. Allerdings erwarten die Nutzer dann auch, dass sie die Musikdateien auch auf Geräte wie MP3-Player übertragen können und nicht von strikten Verschlüsselungstechniken daran gehindert werden.

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