Branche erwartet dramatischen Einbruch und Unternehmenspleiten
Kommentar: Terroranschlag treibt viele Airlines aus der zweiten Reihe in die Pleite

Über den Wolken, so scheint es, ist der größte Spuk vorüber: Die ersten Flieger jetten wieder über dem Atlantik, die ersten Manager checken wieder für Geschäftsreisen in die USA ein. Und der Vorstand der Deutschen Lufthansa wird seinem Aufsichtsrat am Mittwoch einen Beschluss zum Kauf von Flugzeugen des Typs Airbus A 380 vorlegen - jene Riesenvögel, in deren Rumpf bis zu 800 Passagiere gepackt werden können. Geplante Auslieferung: 2007.

Die Lufthansa-Botschaft macht deutlich: Langfristig führt am Transportmittel Flugzeug auch weiterhin kein Weg vorbei. Eine globalisierte Welt erfordert hohe Mobilität und schnelle Reiseverbindungen - in Zukunft noch viel mehr als heute. Für Visionen allerdings ist sechs Tage nach dem Drama von New York noch kein Platz, nicht in den Köpfen der Menschen und schon gar nicht an der Börse: Die Lufthansa-Aktie notiert so tief wie seit 1997 nicht mehr. Der Kurs des Papiers von British Airways hat sich innerhalb weniger Tage halbiert. Und wenn heute die US-Börsen erstmals wieder öffnen, droht auch den amerikanischen Airlines der Absturz. Die Gründe für die Panik der Anleger sind stichhaltig: Kaum eine Branche ist durch das Inferno in New York und Washington ähnlich geschädigt wie die Luftfahrtindustrie. Vier gekaperte Flugzeuge waren es schließlich, die - als Kerosinbomben missbraucht - den größten Terrorakt seit Menschengedenken ermöglicht haben. Das prägt sich ein im Gewissen der Kundschaft, die bisher fröhlich vergnügt Ferienziele ansteuerte oder mit Leidenschaft quer über den Globus zu Geschäftsterminen flog. Aber am 11. September ist dieser Traum von der grenzenlosen Freiheit jäh geplatzt.

Der US-Luftverkehr mag in dieser Woche wieder langsam in Gang kommen, für die Fluggesellschaften wird es eine Rückkehr zur Normalität nicht geben. Nicht in dieser Woche und nicht mehr in diesem Jahr, vermuten Branchenexperten. Während andere Industriezweige schon bald wieder Volllast fahren werden, sehen die Airlines erst allmählich das ganze Ausmaß des Desasters. Die Branche ist in eine ihrer tiefsten Krisen geraten.

Zum jetzigen Zeitpunkt bereits prognostizieren zu wollen, wie stark und wie nachhaltig das Passagieraufkommen in den nächsten Wochen und Monaten abnehmen wird, ist Kaffeesatzleserei. Um zehn Prozent, 15 Prozent, 20 Prozent? Einen fundierten Hinweis liefert aber der Blick in die Vergangenheit: 1992, im Jahr nach dem Golfkrieg, erlitten die Fluggesellschaften weltweit einen Verlust von 4,9 Mrd. $ - bisheriger Negativrekord. Der Weltluftfahrt-Verband IATA rechnet inzwischen damit, dass diese Zahl im Jahr 2001 deutlich übertroffen wird. Allein die unmittelbaren Einbußen des Terroranschlags durch Umsatzausfälle und außerordentliche Kosten schätzt der Verband auf 10 Mrd. $. Er trifft die Airlines in einer Phase, in der die konjunkturelle Abkühlung ohnehin bereits tiefe Spuren hinterlassen hat.

Allein die weltgrößte Fluggesellschaft American Airlines hatte zur Halbjahresbilanz bereits einen Verlust von mehr als 500 Mill. $ abgeliefert. Nun, da American und United Airlines direkt von den Terrorakten betroffen wurden, ist das Desaster für die Branchenriesen perfekt: Neben einem dramatischen Einbruch der Geschäfte müssen die Konzerne mit Regressforderungen rechnen. Eine Pleite der Luftfahrt-Riesen wird in der Branche zwar nahezu ausgeschlossen. Versicherungsexperten weisen jedoch darauf hin, die Schadensersatzforderungen könnten Milliardenhöhe erreichen und beide Airlines damit in den Zwangsvergleich (Chapter 11) treiben.

Ganz so dramatische Auswirkungen sind für die europäischen Airlines nicht zu erwarten. Doch auch für sie gilt: Die Krise hat sich enorm zugespitzt. Viele europäischen Fluggesellschaften erwirtschaften in den Monaten September und Oktober gewöhnlich einen Großteil ihrer Ergebnisbeiträge - der Anschlag hat all ihre Prognosen über den Haufen geworfen.

Für ein Unternehmen wie Lufthansa ist die USA-Krise zwar überaus schmerzhaft, doch es bleiben immerhin die Perspektiven - langfristig. Anderen indes fehlt nicht nur die Perspektive, sondern schon jetzt die Luft zum Atmen: Was etwa passiert mit der belgischen Sabena, die schon vor den Anschlägen dicht vor dem Konkurs stand? Wie lange hält die Swissair Group weitere Einnahmeausfälle aus - ein Unternehmen, das nach einer gescheiterten Expansionspolitik einen Schuldenberg von fast 15 Mrd. Franken vor sich herschiebt. Auch viele andere Airlines der zweiten Reihe werden diese Krise nicht durchstehen können.

Die US-Regionalfluggesellschaft Midway Airlines hat ihren Überlebenskampf bereits kurz nach dem Terrorattentat aufgegeben. Die fünftgrößte US-Airline, Continental, befürchtet für Oktober ihren Konkurs. Andere Airlines werden folgen - auch in Europa.

Für Lufthansa ist die Krise schmerzlich - für andere Airlines existenzbedrohend.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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