Branche fährt Kapazitäten zurück
Kraftwerksbauer ohne Energie

Nach dem Boom folgt die Ernüchterung: Die Nachfrage nach Kraftwerken sinkt, es drohen Überkapazitäten. Siemens hat auf die veränderte Situation bereits reagiert und entlässt Mitarbeiter in diesem Bereich.

HB DÜSSELDORF. Für die Kraftwerksindustrie brechen harte Zeiten an. Die Nachfrage fällt scharf und pendelt sich wieder auf dem Niveau früherer Jahre ein. Die Hersteller stehen auf einmal vor hohen Überkapazitäten. Gérard Brunel, Chef der Alstom Power Generation AG in Mannheim, schätzt die Überkapazitäten auf das Doppelte des Bedarfs. "Alle Hersteller werden ihre Kapazitäten reduzieren müssen", lautet seine Prognose.

In den vergangenen Jahren hatten die Hersteller einen außerordentlichen Boom erlebt. Der Grund dafür war die hohe Nachfrage nach neuen Kraftwerken aus den USA. Dort hatte die unverhoffte Energieknappheit viele Aufträge vor allem für Gas- und Dampfkraftwerke beschert, nachdem jahrelang fast gar nicht investiert worden war. Doch dieser Nachholbedarf ist inzwischen gedeckt.

Siemens hat auf die veränderte Lage reagiert. Am Standort Newcastle fallen 400 der 700 Arbeitsplätze weg. Der Auftragseingang fiel im dritten Quartal des Geschäftsjahres - also von April bis Juni - um rund die Hälfte gegenüber dem Vorjahreszeitraum. "Es ist klar, dass wir reagieren müssen", sagt ein Sprecher des Bereichs Stromerzeugung, der weltweit knapp 27 000 Personen beschäftigt. Vor allem die Standorte in den USA seien betroffen.

Auch der Münchener Elektrokonzern hat besonders von dem Boom in Nordamerika profitiert. Durch die Übernahme der Kraftwerkssparte des US-Anbieters Westinghouse im Jahr 1998 konnte Siemens in den USA als nationaler Anbieter auftreten und viele Aufträge an Land ziehen. Zudem ist Westinghouse besonders stark im Bereich Gasturbinen. Und vor allem diese waren in den vergangenen Jahren gefragt, da Kraftwerke mit kombinierten Gas- und Dampfturbinen schneller zu bauen und auch effizienter in der Energieausnutzung sind als andere Typen. Der Bereich Stromerzeugung entwickelte sich zu einem der profitabelsten im gesamten Siemens-Konzern.

Doch diese Zeiten dürften fürs Erste vorbei sein. Merrill Lynch erwartet, dass der Gewinn der Siemens-Sparte Stromerzeugung bis 2004 um mehr als die Hälfte gegenüber heute fallen wird und hat deshalb die Gewinnerwartung für diesen Bereich gesenkt. Auch die Analysten von SG Securities sind skeptisch und erwarten, dass der Umsatz des Siemens-Bereichs in den nächsten zwei Jahren um jährlich rund 5 % fallen wird. Sie rechnen damit, dass Siemens die Produktionskapazitäten weiter anpassen muss.

Den Konkurrenten ergeht es nicht besser. General Electric (GE) - mit einem Anteil von rund 60 % klarer Weltmarktführer - hat angekündigt, in den nächsten neun Monaten rund 2500 der 36 500 Stellen im Bereich Stromerzeugung zu streichen. Ein weiterer Abbau ist für Ende 2003 anvisiert, wenn die Nachfrage weiter fallen sollte. GE erwartet, dass vor allem Stellen im Bereich der Fertigung von Gasturbinen wegfallen. Denn: Hier werde die Nachfrage aus den USA in den kommenden zwei Jahren um 80 % sinken.

Auch Alstom stellt sich auf weltweite Überkapazitäten bei den Anbietern von Kraftwerken und deren Zulieferern ein. "Wir sind konkret dabei, zu reduzieren", sagt Brunel, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Doch weisen die Franzosen ähnlich wie auch Siemens daraufhin, dass sie die Personal- und Fertigungskapazitäten in den Boomjahren nur behutsam ausgeweitet und viel an Dritte ausgelagert haben. Zudem sei die Fertigung etwa am Standort Mannheim bis Mitte 2003 durch den hohen Auftragsbestand gesichert. Auch Siemens verfügt noch über einen hohen Auftragsbestand, der zwei Jahre lang die Umsätze sichert. Doch werden die Auslieferungen von Gasturbinen von einem Spitzenstand von 112 in diesem Jahr auf rund 50 in 2004 fallen.

Der Ausweg zur Bewältigung der rapide gesunkenen Nachfrage lautet: mehr Service. Siemens will seine Service-Einnahmen bis zum Jahr 2005 von 20 auf 40 % Anteil am Umsatz steigern. Dieses lukrative Geschäft soll die Gewinne stabilisieren und auch den erwarteten Umsatzrückgang mildern. General Electric plant, den Service-Umsatz in den nächsten fünf Jahren um durchschnittlich 18 % zu steigern. Der Konkurrenzdruck steigt also auch in diesem Bereich, die hohen Margen könnten wieder sinken. "Denn", so warnen Analysten von SG Securities, "Service wird in den nächsten Jahren der einzige Wachstumsbereich für die Kraftwerksbranche sein, und alle konzentrieren sich auf dieses Gebiet."

Quelle: Handelsblatt

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