Branche gilt als krisenfest
Anleger entdecken Telekom-Aktien nach US-Terroranschlägen neu

Die einstige Boom-Branche verspricht Investoren Krisenfestigkeit im Konjunkturtief.

tmo/Reuters DÜSSELDORF. Unter dem Kursrutsch, der die Weltbörsen nach den Terroranschlägen in den USA erfasste, litt praktisch jede Branche. Jede Branche? Nein, einige wenige Bereiche wie etwa Telekommunikations-Aktien stemmten sich bislang mit Erfolg gegen den Abwärtsstrudel.

Dieses Kunststück gelang den Telekoms nicht etwa wegen ihrer Wachstumsaussichten. Stattdessen entdeckten Investoren an der einstigen Boom-Branche eine ganz altmodische Seite neu - ihre Krisenfestigkeit im Konjunkturtief.

Die Robustheit der Telekomkonzerne basiert ausgerechnet auf den traditionellen Sprach- und Festnetzdiensten, die während des High-Tech-Booms noch als Klotz am Bein der Unternehmen galten.

Nach den US-Attentaten am 11. September kletterte der europäische Branchenindex DJ Stoxx Telecom bald wieder, während das Gesamtmarkt-Barometer DJ Stoxx zunächst weiter nachgab. Und vergangene Woche landeteten vier Telekom-Titel unter den Top 5 des Euro-Stoxx-50-Index: Telefónica (Platz 1), Deutsche Telekom (2), France Télécom (4) und Telecom Italia (5) machten das Rennen um die Spitzenränge fast allein unter sich aus.

Telekom-Aktien gelten plötzlich nicht mehr als heiße, aber auch riskante Wette auf die "New Economy". Vielmehr loben die Analysten von Lehman Brothers, ABN Amro und Morgan Stanley nun die "defensiven Qualitäten" der Branche. Lehman und ABN Amro stuften ihre Urteile zur europäischen Telekombranche vor einigen Tagen auf "Overweight" (überdurchschnittliche Kursentwicklung erwartet).

Telefoniert wird auch in schlechten Zeiten

"Auf dem jetzigen Kursniveau gewinnen Telekom-Aktien wieder ihre traditionelle Eigenschaft als stabile, krisenfeste Werte zurück", sagt Ben Funnell, Europa-Stratege der US-Investmentbank Morgan Stanley in London. Im Unterschied zu stark konjunkturabhängigen Branchen wie der Autoindustrie und dem Maschinenbau bräuchten die Telekom-Anbieter keinen radikalen Einbruch der Kundennachfrage zu fürchten. Denn Telefonieren müssen die Leute auch in konjunkturell schlechten Zeiten.

Der Bedarf an Telekommunikations-Dienstleistungen könnte nach den US-Terroranschlägen sogar gegen den Konjunkturtrend wachsen, vermuten Experten. Nach Angaben der Deutschen Telekom explodierte die Zahl der versuchten Überseegespräche in den ersten Tagen nach den Attentaten auf das 25fache der sonst üblichen Menge.

Außerdem können Videokonferenzen und Datenaustausch per Telefonleitung dabei helfen, manche Flugreise einzusparen. Aus diesem Grund dürfte der Anteil der Telekom-Ausgaben an den Firmeninvestitionen künftig steigen. Das erwarten die Telekom-Analysten von Salomon Smith Barney, der Investmenttochter des Finanzriesen Citigroup. Wegen der herrschenden Konjunkturflaute werden die Firmenausgaben insgesamt jedoch eher sinken, schränken die Salomon-Experten ein. Daher sei noch unklar, ob die Telekom-Anbieter auf steigende Einnahmen hoffen können - oder ob sie nur weniger stark vom Rückgang betroffen sind. Doch schon Letzteres könnte in der aktuellen Wirtschaftslage ein wichtiger Vorteil sein.

Völlig rosarot malen die Bankstrategen die Aussichten der Telekombranche indes nicht. So gilt das "Defensiv"-Argument vor allem für die Ex-Monopolisten mit großem Festnetzanteil. Bei den Mobilfunk-Konzernen wie etwa Vodafone beruht der Börsenkurs dagegen noch stark auf Wachstumshoffnungen, warnt Telekom-Analyst Paul Brilliant von Morgan Stanley. "Es scheint aber fraglich, ob die Mobilfunk-Firmen ihr starkes Wachstum auf Dauer halten können", sagt Brilliant. Er beurteilt den Weltmarktführer Vodafone daher lediglich mit dem zurückhaltenden Urteil "Neutral".

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