Branche hat noch Hoffnung
Weitere Jobs bei Banken in Gefahr

Die schwierige Lage für die Investmentbanken spitzt sich weiter zu. Zwar deuten alle Anzeichen auf eine Erholung der Konjunktur hin. Doch die Zahl der Börsengänge und das Fusions- und Akquisitionsgeschäft - Kerngeschäftsfelder der Investmentbanken - sind im ersten Quartal 2002 gegenüber dem Vorjahresquartal um mehr als zwei Drittel zurück gegangen.

LONDON/NEW YORK/FRANKFURT/M. Viele Investmentbanken haben bereits massiv Personal entlassen. Doch nun sind sie in einer prekären Lage: Auf Grund der nach wie vor flauen Geschäftslage müssten sie nach Ansicht von Experten eigentlich noch mehr Stellen streichen. Denn Analysten und Investmentbanker kosten viel Geld: In New York beziehen sie in der Regel Jahresgehälter von ein bis zwei Millionen Dollar. Doch entlassen die Banken noch mehr Angestellte, laufen sie Gefahr, im Aufschwung zu wenig Leute in ihren Reihen zu haben.

Deshalb lautet die Parole bei den großen Investmentbanken an der New Yorker Wall Street: "Durchhalten, so lange wie es geht". Morgan Stanley, Lehman Brothers und Bear Stearns wollen ihr Personal nicht weiter reduzieren, Goldman Sachs will noch fünf bis sechs Prozent abbauen. "Keiner will jetzt den Fehler von 1998 wiederholen, als mit dem Boom plötzlich die Leute fehlten", sagt Alan Johnson, Chef der Personalberatung Johnson Associates.

Die kräftigste Entlassungswelle hat es bisher bei Merrill Lynch gegeben. Dort wurden 15 000 Stellen (21 Prozent) abgebaut. Dagegen haben einige Institute, wie Lehman Brothers und JP Morgan Chase in 2001 ihr Personal sogar aufgestockt. Unterm Strich seien bei den großen US-Investmentbanken nicht mehr als fünf Prozent der Arbeitsplätze verloren gegangen, errechnete Johnson Associates. "Wir glauben, dass die Firmen immer noch zu viel Personal haben", sagt Johnson.

Kleinere Spieler wie die niederländische ABN Amro, die sich von ihrer US-Investmentbanking-Tochter trennen will, treten deshalb bereits den Rückzug an. Doch die großen Investmentbanken hoffen, mit langem Atem ihre Position zu stärken. Sie setzen auf die zweite Jahreshälfte. Sollte das Geschäft dann immer noch flau sein, dürfte es aber nach Ansicht der Analysten zu neuen Stellenkürzungen kommen.

Bei den Investmentbanken in London sieht die Lage ähnlich aus: Eine Handelsblatt-Umfrage in der City ergab, dass nach der Kündigungswelle im vergangenen Jahr weder die großen Institute wie HSBC oder UBS Warburg noch kleinere wie Dresdner Kleinwort Wasserstein planen, weitere Stellen abzubauen. Barclays Capital, das vor allem im Anleihegeschäft stark ist, kündigt sogar weitere Stellenzuwächse an. Barclays hatte schon 2001 rund 500 neue Mitarbeiter eingestellt.

Doch Experten sehen noch Handlungsbedarf. "Die Banken werden noch einmal deutlich Kapazitäten abbauen müssen", sagt etwa Simon Harris, Leiter des Unternehmens- und kommerziellen Bankgeschäfts bei der Beratungsfirma Oliver, Wyman&Company. Eine neue Studie von ihm kommt zum Ergebnis, dass in diesem Jahr die Gewinne der Banken noch einmal um mindestens zehn Prozent fallen werden. Die Häuser müssten ein Zehntel ihrer Kapazität abbauen, schätzt Harris. Damit stünden rund 12 000 Arbeitsplätze in Europa auf der Kippe. Harris geht davon aus, dass die Banken im zweiten Halbjahr noch einmal kräftig auf die Kostenbremse treten.

Während in New York und London tausende Investmentbanker ihren Job verloren, war in Frankfurt trotz Börsenflaute und Konjunkturschwäche bislang nur vereinzelt von Entlassungen zu hören. Deutschland gilt noch immer als der Markt mit dem größten Potenzial in Europa. Deshalb scheuen sich die Institute noch, teuer eingekaufte Teams wieder an die Luft zu setzen.

Je länger die Krise an den Kapitalmärkten dauert, desto rauer wird aber auch am Main das Klima. "Sorgen müssen sich vor allem die Einsteiger im Investmentbanking machen", sagt Andreas Halin, Personalberater bei Spencer Stuart und intimer Kenner der Szene. Halin beobachtet einen Strom von Entlassungen bei Bankern mit zwei bis sechs Jahren Berufserfahrung. "Erfahrene Kräfte mit guten Kontakten wollen die Institute natürlich halten, bei den Juniors sieht das anders aus", sagt er.

Bei den Instituten wie Deutsche Bank, Lehman Brothers, JP Morgan oder Goldman Sachs heißt es, Entlassungen seien noch kein Thema. Allerdings räumen alle Institute ein, dass sie ihre Mitarbeiter in diesem Jahr besonders sorgfältig überprüfen. Üblicherweise trennen sich die Banken mit Leistungstests jährlich von etwa fünf Prozent ihrer Mitarbeiter. "In diesem Jahr dürften es eher zehn bis 15 Prozent sein", glaubt Halin.

"Im Moment überwiegt in der Branche noch die Hoffnung, dass es bald wieder aufwärts geht. Trügt diese Hoffnung aber, dann sind Einschnitte nicht zu vermeiden", sagt Alexander Georgieff, verantwortlich für das inländische M&A- Geschäft der Deutschen Bank. Doch Verhältnisse wie in London oder New York müssen die Frankfurter Banker nicht befürchten. "Die großen internationalen Investmentbanken arbeiten in Deutschland mit ziemlich schlanken Apparaten, deshalb können sie auch gar nicht so viel Personal abbauen", sagt Halin. In einigen Bereichen, zum Beispiel im Aktien-, und im Rentengeschäft würden sich die Institute sogar noch ergänzen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%