Branche hat riesige Probleme
Kolumne: Abschied von der Telekommunikation

Die Krise zieht ihre Kreise. Die vorherrschende Meinung hier im Valley ist, dass es noch viel schlimmer wird, bevor es wieder besser werden kann. Manche wiegen sich noch in Sicherheit: Jetzt, da der Internet-Boom abgeschrieben seit, bräuchte es nur noch einen psychologischen Schups, und alle Unternehmen fangen wieder an zu investieren.

Wer genauer hinsieht muss jedoch erkennen, dass ein riesiger Wirtschaftszweig, der ein entscheidender Wachstumstreiber der letzten Dekade war, vor dem Zusammenbruch steht: Die Telekommunikation. Parallelen zum Bau des US-amerikanischen Eisenbahnnetzes im 19. Jahrhundert sind nicht unbedingt beruhigend.

Bis vor einem Jahr war Ravi Suria ein unbekannter 29-jähriger Analyst bei Lehman Brothers. Mit einem vernichtenden Bericht über die mittelfristige Unfähigkeit von Amazon.com, seine Schulden zu begleichen, wurde er über Nacht weltbekannt. Wesentlich wichtiger war jedoch eine zweite Analyse, die ein paar Monate später veröffentlicht wurde. Sie prophezeite den Kollaps des Telekommunikationssektors. Diese detailanalysengestützte Vorhersage läuft mit der Präzision einer Schweizer Uhr vor uns ab und zieht die gesamte Kette von Systemherstellern bis hinab zu den Produzenten von Komponenten mit hinab.

Auslöser waren Netze der dritten Generation

Auslöser, nicht jedoch Ursache, der Krise waren die überteuerten Lizenzen für Mobilfunknetze der dritten Generation in Deutschland und England letztes Jahr. Plötzlich fragten die Kreditinstitute, wie das denn finanziert werden sollte? Die Bilanzen des Sektors wurden kritisch analysiert - und plötzlich kam die grausame Wahrheit zu Tage.

Die Kosten für die Mobilfunknetze der dritten Generation für sich genommen sind in der Tat schon ein ganz netter Brocken. Es wird geschätzt, dass dafür weltweit etwa 300 Mrd. $ investiert werden müssen: 50 % für die Lizenzen und noch mal so viel für die Infrastruktur. Wenn auch nur die Hälfte davon durch Schulden finanziert wird und bei einer - inzwischen unrealistisch optimistischen Annahme - von 8 % Zinsen, sind das allein jährliche Zinszahlungen von 12 Mrd. $. Dies ist mehr als die gesamten prognostizierten Umsätze der Industrie in den nächsten vier Jahren.

Festnetze stehen kaum nach

Wer glaubt, dies könnte von Umsätzen im Festnetz finanziert werden, wird enttäuscht werden. In den letzten zwei Jahren wurden 100 Millionen Kilometer optische Netzleitungen verbuddelt, und Unternehmen haben 35 Mrd. $ dafür ausgegeben, Internet-inspirierte Netzwerke zu bauen. Nur etwas 5% dieser Netze ist "an", während der Rest, die sogenannte "Dark Fibre", im Boden liegt und jegliche Hoffnung auf stabile Preise zerstört. Auch hier haben die Investitionen den Cash-Flow der Industrie um ein Vielfaches überschritten und ein erdrückende Schuldenlast zurückgelassen.

Die gesamte Wertschöpfungskette leidet

Die Probleme bei den Diensteanbietern treffen die Produkt- und Systemhersteller hart. Lucent ist sicher das meistdiskutierte Unternehmen, dessen Überleben inzwischen auf dem Spiel steht. Aber auch Nortel hat im abgelaufenen Quartal einen unvorstellbaren Verlust von 19 Mrd. $ generiert. Cisco, JDS Uniphase und viele andere wurden mit in die Krise gerissen. Im Laufe der letzten zwölf Monate hat der Telekommunikationssektor in den USA über 100.000 Mitarbeiter entlassen. Direkt oder indirekt wird auch ein Großteil der High-Tech-Unternehmen hier im Silicon Valley getroffen.

Das Sterben hat begonnen

Die Liste der US-Diensteanbieter in akuter Krise ist lang. Northpoint und Metrocall haben das Handtuch geworfen und PSINet steht unmittelbar davor. Covad, Winstar, Teligent, RSL Communications, aber auch GTS, Williams Communications, Exodus Communications, Global Crossing und Level3 und viele mehr werden die Schulden kaum bedienen können oder haben die Zahlungen bereits eingestellt. Die Liste ließe sich noch um einiges verlängern. Wenn ein Unternehmen "nur" von einem Schuldenberg erdrückt wird, so gibt es einen relativ einfachen Ausweg: "Chapter 11" heißt er und bedeutet, dass das Unternehmen Schutz vor seinen Gläubigern sucht und seine Schulden nicht mehr zu begleichen braucht. Viele Industriezweige sind durch "Chapter 11" gegangen: Stahlunternehmen, Fluggesellschaften, Handelsunternehmen und Filmgesellschaften. Es wird allgemein erwartet, dass der Telekommunikationssektor der USA hiervon noch in diesem Jahr heftig Gebrauch machen wird.

Ein Schluss ist jedoch naheliegend: Bevor nicht der letzte Schuldner bedient worden ist, gehen die Aktionäre leer aus. Mit anderen Worten, alle diese Aktien sind wertlos.

Präzedenzfall Eisenbahn

Viele Leute fragen sich, was hier schief gelaufen ist. Auch in der Vergangenheit gab es große Infrastrukturphasen - was ist heute also anders? Nun, die großen Infrastrukturinvestitionen der USA der letzten hundert Jahre, wie das Straßen-, das Telefon- und das Energienetz, benötigten zwar erhebliche Investitionen, wurden aber durch garantierte Monopolgewinne abgesichert, oder zumindest nur ganz begrenztem Wettbewerb ausgesetzt. Wenn man aber etwas weiter zurückgeht, zum Bau der Eisenbahnlinien, dann findet man in der Tat - nicht unbedingt beruhigende - Parallelen. Am Anfang der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts verdoppelte sich innerhalb weniger Jahre das amerikanische Schienennetz. Dies war durch einen grenzenlosen Wirtschaftsoptimismus nach dem Ende des Bürgerkrieges getrieben. 1873 jedoch kollabierte die Northern Pacific Railroad, und ihre Besitzer wurden ruiniert. Dies löste einen Aktiensturz aus, und in den folgenden Jahren konnten 40% aller Eisenbahn-Bonds nicht bedient werden. Die Investitionen in das Schienennetz fielen gleichzeitig um 80%. Erst Ende der 70er Jahre fingen diese Investitionen wieder an zu steigen, aber der ganze Sektor fand nie zu seinem einstigen Glanz zurück.

Könnte das Schicksal der Telekommunikation nach dem Ende des kalten Kriegs analog verlaufen? Der Technologiesektor hier im Silicon Valley beginnt sich auf diese Szenarien einzustellen. Überlebensstrategien in der Krise sind gefragt - und wir werden darauf in dieser Kolumne noch zurückkommen.

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