Branche nutzt verstärkt das Internet als zusätzlichen Vertriebskanal
Verlage sehen Wachstumsschub durch elektronisches Publizieren

Das elektronische Publizieren über Internet, CD-Rom und DVD entpuppt sich für die Verlage als Wachstumsmotor. Zunehmend werden Publikationen nicht nur als Buch oder Zeitschrift, sondern auch im Internet gegen Gebühr angeboten.

FRANKFURT/MAIN. "Das Interesse, für qualifizierte Inhalte Geld zu bezahlen, nimmt zu", sagte Arnoud de Kemp, Mitglied der Geschäftsleitung des Heidelberger Wissenschaftsverlags Springer. "Wir sind dabei, elektronisches Publizieren als zusätzliche Erlösquelle zu entwickeln", fügte der Manager des zum Bertelsmann-Konzerns gehörenden Branchenriesen hinzu. Vor allem Fach- und Wissenschaftsverlage profitieren von kostenpflichtigen Angeboten im Internet - darüber war sich die Branche auf der 54. Frankfurter Buchmesse einig.

Schon heute glauben fast 45 % der befragten Verlage, dass "die Zeiten, in denen Inhalte kostenlos im Internet angeboten werden, vorbei sind". Zu diesem Ergebnis kommt eine Branchenumfrage des Arbeitskreises Elektronisches Publizieren (AKEP). In den 90er Jahren war auf der Buchmesse viel über CD-Rom und Internet geredet, jedoch kaum Geld verdient worden. Das hat sich mittlerweile geändert. Beispielsweise schreibt der Fachinformations- und Wissenschaftsverlag Bertelsmann-Springer nach eigenen Angaben schwarze Zahlen mit seinen Online- und CD-Rom-Produkten. Der Optimismus in der Branche ist groß. Derzeit liegt der Umsatzanteil der elektronischen Produkte nach einer Umfrage des Börsenvereins bei der Mehrzahl der Verlage im einstelligen Prozentbereich. Die Unternehmen erwarten jedoch, dass die neuen Angebote in fünf Jahren 5 bis 20 % zum Gesamtumsatz beitragen.

Internet dient zur Recherche

Nach Meinung des AKEP-Sprechers de Kemp ist ein klarer Trend auszumachen, dass das Internet immer stärker für Informationssuche und den Wissenserwerb genutzt wird. Während die Belletristikverlage bei der neuen Entwicklung weitgehend leer ausgehen werden, sind spezialisierte Verlage sehr zuversichtlich. "Der Konsument ist offen, für qualitative Inhalte zu zahlen", sagte Sigrid Lesch, Managerin beim Stuttgarter Medizinverlag Thieme und Mitglied des AKEP- Sprecherkreises.

Auf die neuen Wachstumsmöglichkeiten reagieren die Verlage auch intern. Der AKEP stellte am Mittwoch neue Berufsprofile vor. Wie Tilman Michaletz, Verlagsleiter beim Stuttgarter Verlag Klett, sagte, sollen mit neuen Berufsbeschreibungen wie Community Manager, Content Manager und Web Master die Weichen für das elektronische Publizieren gestellt werden.

Musikbranche tut sich mit Internet schwer

Während sich die Musikbranche mit dem Internet schwer tut, sieht sich die Buchbranche gut gewappnet. Die Gefahr von illegalen Tauschbörsen, die beispielsweise der Musikindustrie Umsatzeinbußen eingebracht hatten, sehen die Verleger kaum. Sie setzen auf die elektronische Registrierung von Inhalten im Web. Der "Digital Object Indentifier (DOI) - eine Art virtueller ISBN-Nummer - soll Raubkopien dauerhaft verhindern.

Das von der Europäischen Union (EU) geförderte Projekt einer europäischen Registrierungsagentur soll nach einer Erprobungsphase im Sommer 2004 kommerziell starten.

Auf der Buchmesse werden sich die auf das elektronische Publizieren spezialisierten Verlage künftig anders darstellen, berichteten Brancheninsider. "Das Konzept einer eigenen Halle aus den Neunziger Jahren hat sich längst überholt", sagte ein Beteiligter gestern. Eine Entscheidung über einen möglichen Wegfall der bisherigen Sonderfläche sei aber noch nicht gefallen, hieß es ergänzend.

Auch der Börsenverein selbst konzentriert sich stärker auf das Internet. So wird das für den Handel wichtige Nachschlagewerk Verzeichnis Lieferbarer Bücher (VLB) online stark ausgebaut. Ab Mitte Oktober können Verlage dann im Netz Titelanmeldungen vornehmen; Buchhändler können online bestellen.

Das VLB bietet künftig zudem Bilder und Leseproben an. "Das VLB wird von einer klassischen Bibliographie zur Kommunikations- und Marketingplattform, sagte Michael Schön, Geschäftsführer der MVB Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH. Das kürzlich gegründete Tochterunternehmen des Börsenvereins ging aus der bisherigen Buchhändler-Vereingigung hervor. Mit der Neuausrichtung will der 100 Mitarbeiter starke Dienstleister künftig einen besseren Service für Verlage und Händler bieten.

Quelle: Handelsblatt

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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