Branche steht vor gewaltigen Investitionen
Erdgas baut Marktanteil weiter aus

Die Bedeutung von Erdgas wächst rasant. Bis zum Jahr 2030 werde sich der Verbrauch auf 4 800 Milliarden Kubikmeter verdoppeln, schätzt die Internationale Gas Union (IGU). Während andere Energieträger mittelfristig an Einfluss verlören, werde sich der Verbrauch von Gas pro Jahr um 1,8 bis 2,9 % erhöhen. Der Marktanteil werde sich damit bis 2030 um 3,5 Prozentpunkte auf 26,5 % vergrößern.

TOKIO. Die IGU, der größte Verband der Branche, hat ihre neueste Langzeitprognose auf dem Weltgaskongress vorgestellt, der derzeit in Tokio stattfindet. Alle drei Jahre lädt die IGU führende Branchenvertreter zur wichtigsten Gas-Konferenz ein. Nach Tokio sind diesmal 4 800 Besucher aus 72 Ländern gekommen.

In den Optimismus der IGU stimmen auch die Manager der international führenden Energieunternehmen ein. Philip Watts, Chairman des britisch-niederländischen ShellKonzerns, sagte gestern in Tokio: "Das große Potenzial, das Erdgas im 21. Jahrhundert haben wird, ist unumstritten." Im Jahr 2025 könnte der Absatz von Gas den von Öl erstmals übertreffen, schätzt der Shell-Manager.

Für Lord Browne, Watts Amtskollegen beim britischen Konkurrenten BP, entwickelt sich Erdgas "im Energiemix am dynamischsten". In den vergangenen zwei Jahren sei die Nachfrage nach Gas zweimal so schnell gestiegen wie die nach Öl. Der Absatz von Kohle sei im selben Zeitraum sogar gesunken. "Es herrscht hier ein großer Optimismus", sagte Ruhrgas-Chef Burckhard Bergmann.

Auch anerkannte, unabhängige Experten sehen glänzende Zukunftsaussichten für Gas - zum Beispiel Fatih Birol, Chefvolkswirt der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris. Nach Schätzungen der IEA wird der Marktanteil von Gas bis 2030 sogar auf 28 % steigen - noch 1,5 Prozentpunkte mehr als bei der IGU-Prognose. Vor allem der Bau neuer Kraftwerke zur Stromerzeugung heize den Bedarf an. 40 % der neuen Anlagen würden mit Gas betrieben. Zudem profitiere Gas von der Debatte um einen verbesserten Klimaschutz.

BP-Chef Browne sieht einen der wichtigsten Gründe für die steigende Nachfrage im erwarteten Bevölkerungswachstum. Für Transport und Verkehr werde Öl weiterhin unangefochten der wichtigste Energieträger sein. Für alle anderen Bereiche könne es Erdgas werden, sagte Browne.

Große Hoffnungen setzt die Branche auf verflüssigtes Erdgas (LNG), das immer preiswerter wird und die langfristigen Verträge, die üblicherweise zwischen dem Lieferland und dem Importeur geschlossen werden, ergänzt. LNG - das mit Tankern im Gegensatz zum klassischen Pipeline-Gas auch über weite Entfernungen transportiert werden kann - erschließe neue, bisher nicht zugängliche, Märkte, sagte BP-Chef Browne: "Der Schlüsselbegriff heißt Flexibilität." Mit LNG ließen sich Angebot und Nachfrage besser in Einklang bringen. Die Produktionskosten für LNG sänken dramatisch: von rund 400 Dollar je Tonne in den 80er-Jahren auf aktuell 200 Dollar - Tendenz weiter fallend.

BP ist wie Shell einer der größten Investoren im LNG-Markt. Auch IEA-Chefvolkswirt Birol sieht im kurzfristigen Handel ein großes Potenzial für Gas: Der Gashandel werde sich verdreifachen, der LNG-Handel sogar verfünffachen, sagte er.

Bei aller Euphorie warnte Birol aber auch vor Risiken: Fraglich sei, ob die Unternehmen genügend neue Gasfelder erschließen könnten, um mit der zu erwartenden Nachfragesteigerung Schritt zu halten. Die Produktionskapazitäten müssten von 2 800 Milliarden Kubikmeter bis 2030 auf 5 300 Mrd. Kubikmeter ausgebaut werden, sagte der Energieexperte. Etliche Gasfelder seien bald erschöpft - beispielsweise in Nordamerika. Der Branche stünden in den nächsten Jahren enorme Investitionen bevor.

Noch deutlicher brachte es Gerald Doucet, Generalsekretär des World Energy Council, auf den Punkt: "Völlig sorgenfrei kann man der Entwicklung bei Gas nicht entgegen blicken." Wenn das Wirtschaftswachstum hinter den Prognosen zurückbleibe oder sich die Prognosen für das Bevölkerungswachstum nicht erfüllten, würden die nötigen Investitionen ausbleiben. "Und der technische Fortschritt kommt nicht nur Gas zu gute, sondern auch den anderen Energieträgern", gab Doucet zu bedenken.

"Der Erfolg von Erdgas ist keineswegs garantiert", räumt denn auch Shell-Chairman Watts ein: "In den nächsten zwei Jahrzehnten muss es sich beweisen."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%