Branche wartet auf die erste Übernahme eines großen Pharmaherstellers
Biotech-Firmen haben Erfolg mit Arzneien

Biotech-Unternehmen, die nur Technologie liefern, werden es künftig schwer haben. Investoren verlangen den Wandel zum Pharmahersteller. Finanziell sind die meisten Biotech-Firmen gut gerüstet.

HB NEW YORK. "In fünf Jahren wird das erste Biotechnologie-Unternehmen einen Pharmakonzern kaufen", prophezeit der ehemalige Microsoft-Technologie-Vorstand und Präsident von Intellectual Ventures, Nathan Myhrvold, seinen Zuhörern der CEO & Investor Conference des amerikanischen Biotech-Industrieverbandes BIO in New York. Forscher, Investoren und Unternehmer der Biotechnologie quittieren die Bemerkung zwar mit einem Lachen, doch ganz abwegig finden sie den Gedanken nicht. "Ich glaube auch, dass das passieren wird", sagt Arthur Sands, der Vorstandsvorsitzende von Lexicon Genomics. Wer hätte schließlich vor fünf Jahren gedacht, dass ein junges Unternehmen wie AOL den traditionsreichen Medienkonzern Time Warner schlucken würde?

Die Biotech-Unternehmer in den USA sind bester Laune. Ein Rekordjahr wie das vergangene wird zwar kaum zu wiederholen sein, vor allem, was die Börsenkurse betrifft. Aber die nächste Welle von Medikamenten aus der Biotech-Forschung erreicht bald die Marktreife. Dabei sind diesmal auch Unternehmen, die noch bis vor wenigen Jahren vor allem als Technologie-Lieferanten bekannt waren. Viele von ihnen sind in der Zwischenzeit zum Lager der Pharmahersteller übergetreten.

Den Investoren gefällt das: Interessant ist, wer Medikamente herstellt, denn diese Produkte sollen die Unternehmen in die Gewinnzone hieven. Die reinen Technologie-Unternehmen sind in ihrer Gunst gefallen. Und so versuchen fast alle Vertreter der jungen Industrie den Sprung zum Pharmaunternehmen.

Die Zahl der Medikamente auf dem Markt, die unter dem Einsatz von Methoden der Biotechnologie hergestellt wurden, stieg von 28 im Jahr 1991 auf 143 Produkte im Jahr 2000. Diese Zahl soll gewaltig wachsen und den Biotech-Unternehmen in die Gewinnzone helfen. Denn bisher arbeiten die wenigsten Unternehmen der jungen Industrie profitabel.

Biotech-Firmen sind selbstbewusst

Die großen Pharmaunternehmen machen den kleinen Biotech-Firmen dabei kaum Angst. Denn bei vielen sehen die eigenen Entwicklungen in den vergangenen Jahren eher mager aus. "Die großen Pharmaunternehmen sind doch wegen eigener Defizite fusioniert", sagt Genzyme-Chef Henri Termeer selbstbewusst und fügt gleich hinzu: "Diese Schwäche birgt riesige Chancen für kleinere Unternehmen aus der Biotech-Branche". Sein Kollege Sands von Lexicon sieht das genau so: "Durch die vielen Fusionen sind vielleicht einzelne Unternehmen gewachsen, aber doch nicht die gesamte Industrie", sagt er. Daher sei Platz für Unternehmen wie sein eigenes.

Finanziell kann sich die Industrie das Selbstbewusstsein leisten: In den vergangenen zwei Jahren haben Biotech-Unternehmen allein durch Börsengänge einen Mittelzufluss von 7,7 Mrd. $ zu verzeichnen. Das ist soviel, wie in den sieben Jahren zuvor. Für die nächste Zeit haben die Unternehmen daher eine gute Grundlage: "Jetzt haben wir endlich die Resourcen, um unsere Forschung so zu betreiben, wie es sein muss", sagt Termeer zufrieden. Eine weitere Auswirkung des Geldsegens: Die Unternehmen können länger eigenständig an ihrer Entwicklungen arbeiten, bevor sie Abkommen mit starken Partnern eingehen.

Unternehmen entwickeln ihre Produkte länger ohne Allianzen

"Wir werden große Veränderungen erleben, dass die Unternehmen ihre Produkte länger selbst entwickeln, bevor sie Allianzen eingehen", sagt John Jackson, Vorstandschef von Celgene voraus. Schon jetzt warten Unternehmen wie Abgenix bis zur zweiten klinischen Testphase, bevor sie sich Partner suchen. Bisher leisten es sich nur wenige Biotech-Firmen, bis zur dritten und damit letzten klinischen Testphase vor dem Antrag bei der US-Gesundheitsbehörde FDA zu warten. "Besonders junge Unternehmen sind auf das Geld angewiesen und schließen schon in sehr frühen Phasen Verträge mit großen Pharmaunternehmen ab", erklärt Medimmune-Chef Wayne Hockmeyer die Lage. Reifere Biotech-Unternehmen, die über genügend finanzielle Mittel verfügten, seien dagegen weniger auf Vorauszahlungen aus, sondern darauf, dass die Bedingungen für die spätere Vermarktung stimmen. Bei den Partnerschaften spielen europäische Pharmaunternehmen wie Novartis, Aventis und andere eine immer größere Rolle.

Doch es gibt auch kritische Stimmen: Nach einer Studie, die die Investmentbank Lehman Brothers bei der Unternehmensberatung McKinsey für in Auftrag gegeben hat wird es in der nahen Zukunft mehr Fehlschläge geben. "Die Forschungsziele sind nicht nur mehr geworden, sondern es handelt sich oft auch um völlig neue, unbekannte Ziele. Das erschwert die Entwicklung von wirkungsvollen Medikamenten", erklärt Philip Ma, Berater bei McKinsey, der die Studie durchgeführt hat. Wir gehen davon aus, dass nur noch 30% der Medikamente die zweite klinische Phase schaffen werden. Derzeit sind es immerhin die Hälfte.

Dieser These widerspricht der Chef der AstraZeneca - Krebsforschung Oncology Therapeutics, Brent Vose: "Wir haben doch jetzt viel präzisere Ziele, das macht es einfacher".

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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