Branchen-Bericht
USA: Banken im Schatten von Enron

Enron, Worldcom und die Telefongesellschaft Qwest: fast jeden Tag schocken neue Bilanzierungsskandale die Investoren. Nun schwappt die Manipulationswelle auf den Finanzsektor über. Kann der amerikanische Gesetzgeber dem Treiben einen Riegel vorschieben, der auch die Anleger überzeugt?

wsc NEW YORK. Die großen US-Investmenthäuser, allen voran Citigroup und J.P. Morgan, sollen angeblich wissentlich den insolventen Energiehändler Enron bei der Fälschung seiner Bücher unterstützt haben. Jetzt will die Regierung mit einem neu beschlossenen Gesetz den Betrügern einen Riegel vorschieben.

"Dieses Gesetz entblößt und bestraft jeden unehrlichen Unternehmensführer", sagte US-Präsident Bush an diesem Mittwoch bei der feierlichen Absegnung der neuen Richtlinien. Der Senat und der Kongress haben sich auf einen Reformplan zur härteren und strafferen Überwachung von Corporate America geeinigt. Vorgesehen ist unter anderem eine umfassendere Beobachtung von Wirtschaftsprüfern und ein härteres Vorgehen was Strafverfahren betrifft. Wirtschaftsprüfer sollen künftig von einer unabhängigen, aber der Börsenaufsicht angegliederten Behörde überwacht werden. Beide Aufsichtsorgane können ihre Untersuchungen dann miteinander koordinieren. Wer als Wirtschaftsprüfer einen Kunden betreut, darf aus Gründen der Unabhängigkeit fortan nur noch beschränkt anderweitige Consulting-Leistungen erbringen. Nicht nur die Prüfer, auch die Unternehmen müssen sich um einiges wärmer anziehen. Wer Wertpapierbetrug begeht, könnte nicht mehr nur bis zu 5, sondern nun sogar 25 Jahre hinter Gitter wandern.

Die Härte der Bilanzreform könnten auch bald die Banken Citigroup, Merrill Lynch und J.P. Morgan zu spüren bekommen. Die Finanzinstitute müssen derzeit vor dem Senatsausschuss zum Enron-Skandal aussagen. Vorwurf an die Geldinstitute: Transaktionen sollen gezielt so strukturiert worden sein, dass der Cash Flow des Energiekonzerns aufgeblasen wurde. Die Buchhalter hatten einfach bestimmte Verbindlichkeiten außerhalb der Bilanz gelassen. Die Untersuchung des Kongresses hatte ergeben, dass bis zu 8 Mrd. $ an Krediten nicht in den Büchern auftauchten. Laut dem Wall Street Journal wurden derartig strukturierte Deals neben Enron auch anderen Unternehmen angeboten. Während J.P. Morgan mit sieben weiteren Unternehmen derartige Deals eingegangen sein soll, habe die Citigroup bis zu 14 Klienten die kreativen Buchführungsmethoden angeboten.

Nicht nur die angeblich illegalen Transaktionen lassen die Broker zittern. Die Investmenthäuser müssen darüberhinaus auch mit einem Vertrauensverlust der Kunden und Investoren kämpfen. Anwälte vermuten, dass sich der mögliche rechtliche Finanzschaden der zehn größten amerikanischen Banken auf 10 bis 100 Mrd. $ belaufen könnte. Neben den rechtlichen und regulatorischen Risiken steht aber vor allem der Ruf von Citigroup und J.P. Morgan auf dem Spiel. Das Wachstum einer Bank basiert größtenteils auf ihrem Ruf, erläutern die Experten von Prudential Securities. Selbst wenn die Citigroup für unschuldig erklärt wird, sei der Schaden möglicherweise bereits angerichtet, vermuten die Analysten. Im Investmenthaus Merrill Lynch muss das Management schon zu drastischen Maßnahmen greifen, um die eigenen Mitarbeiter zu einer Aussage vor dem Senatsausschuss zu bewegen. Der Investmentbanker Schuyler Tilney wurde vom Dienst beurlaubt, weil er der Vorladung des Untersuchungsausschusses nicht nachkam. Das gleiche Schicksal ereilte seinen Kollegen Robert Furst.

Saubermänner

Die täglichen Hiobsbotschaften aus dem Finanzsektor können so mancher Bank jedoch nichts anhaben. Prominentester Vertreter der Saubermänner ist Bear Stearns. Die konservativen Broker aus New York profitierten im abgelaufenen zweiten Quartal des Fiskaljahres von einem deutlichen Aufschwung im Investment Banking Geschäft. Der Gewinn konnte gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt werden. Das Management von Bear Stearns führt den starken Auftritt auf das Hypotheken- und Anleihegeschäft zurück. Vor allem der niedrige Zins habe zu einer positiven Überraschung bei der Nachfrage nach Immobilienfinanzierungen geführt. Der Investment Banking Bereich konnte trotz des schwachen Marktumfelds "anziehende Umsätze liefern". Währenddessen hat die Konkurrenz, die weniger stark auf das Anleihegeschäft gesetzt hatte, mit Gewinn- und Umsatzeinbrüchen in der Sparte Investment Banking zu kämpfen.

Nur wenige Tage nach der Unterzeichnung des Gesetzes zum härteren Durchgreifen gegen Unternehmensbetrug werden kritische Stimmen laut. In seiner patriotischen Rede, George W. Bush kündigte an, dass Schwindler genauso bissig verfolgt werden wie Terroristen. Doch erste Risse hat das Netz bereits. Nur Informanten, die vor dem Untersuchungsausschuss des Kongreß auspacken, werden geschützt. Das könnte redewillige Mitarbeiter von Firmen, gegen die noch keine Untersuchunge laufen, abschrecken. Seine politischen Gegner bemängeln, dass die Mehrheit im Kongress bestimmt, gegen welche Unternehmen eine formelle Untersuchung eingeleitet wird. Damit werden Lobbyisten der führenden politischen Seite weniger zu befürchten haben als andere.

Trotz der ersten Fragezeichen, haben die neuen Richtlinien des Weißen Hauses für Aufbruchstimmung gesorgt. CEOs müssen ab dem 12. August mit ihrer Unterschrift unter der Bilanz persönlich für die Richtigkeit garantieren. Investmentbanken werden nun nicht umhin kommen, tatsächlich im Rahmen der Gesetze das beste für ihre Klienten heraus zu holen. In den nächsten Quartalen könnte der Bedarf an Bereinigungen der Bücher für umfangreiche Sonderabschreibungen sorgen. Das Investorenvertrauen wird sich aber nur zögerlich von den Skandalen erholen.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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