Branchenbericht: Baseball
Baseball-Streik verdrießt das Volk

Fünf Mal die Woche stehen sich Pitcher und Batter als Gegner gegenüber, in diesen Tagen spannen sie zusammen. Gemeinsam kämpfen der Mann mit dem Ball und der Mann mit dem Schläger für neue Regeln in der amerikanischen Baseball-Profiliga.

Auf der anderen Seite des Feldes, pardon: des Verhandlungstisches, sitzen die Owner, die Besitzer der Baseball-Teams, die anders als in Deutschland nicht Vereine sind sondern Unternehmen im Privatbesitz.

Zwischen Spielern und Team-Besitzern steht in diesen Tagen nicht nur ein Tisch aus furnierter Eiche, sondern eine schier unüberwindliche Mauer verschiedener Ansichten über Drogentests, Spielerberater und unterschiedliche Finanzierungskonzepte. Vor allem letztere machen den Parteien zu schaffen. Denn nicht nur Spieler und Besitzer haben verschiedene Interessen, sondern auch die Besitzer unter sich, denn ihre Clubs sind unterschiedlich groß und unterschiedlich mächtig.

Diese unterschiedliche Bedeuntung der Clubs ist ein Schlüsselproblem der Branche. Während Vereine wie die ewigen Champions New York Yankees, die Boston Red Sox oder die Arizona Diamondbacks Umsätze in Milliardenhöhe verzeichnen, können sich kleine Clubs wie die Tampa Bay Devil Rays oder die Kansas City Royals nicht einmal einen einzigen Top-Spieler leisten. Und während die Yankees unter dem tyrannischen Chef George Steinbrenner TV-Rechte so teuer verkaufen, dass selbst manch lokaler Provider in New York aussteigen muss und Fans zum Zeitung lesen zwingt, werden die Spiele der kleinen ausschließlich lokal übertragen - die nationalen Sender wie ABC und ESPN haben schlicht kein Interesse.

Um dem Ungleichgewicht unter den Clubs entgegenzuarbeiten, hat die Liga einen Ausgleichstock eingerichtet. In den zahlen zur Zeit alle Teams 20 % ihrer Umsätze ein, der Pott wird dann zu gleichen Teilen unter den Clubs aufgeteilt. Ebenfalls in den Pott kommt eine Luxus-Steuer, die für diejenigen Mannschaften anfällt, deren Gehaltsliste über 130 Mill. $ geht.

Von diesem System halten die Spieler nicht viel. Denn wenn alle Mannschaften einmal gleich groß sind, wenn es keine Super-Teams mehr gibt, dann fallen auch Fantasiegehälter weg, wie sie beispielsweise Alex Rodriguez einstreicht. Der Pitcher der Texas Rangers hat im Jahr 2000 einen 10-Jahres-Vertrag für 252 Mill. $ unterschrieben. Auch das Salär anderer Stars kann sich sehen lassen: Yankee Derek Jeter verdient jährlich 14,66 Mill. $, der japanische Import-Star Ichiro Suzuki von den Seattle Mariners bekommt 3,7 Millionen Dollar.

Das ist viel zu viel, sagen da die Team-Besitzer. Sie wollen einen höheren Ausgleichstock mit einer Einlage von 50 % des Umsatzes für jeden Club und eine höhere Luxus-Steuer. Eine geschickte Kombination würde die Preisspirale ausschalten und käme der Installation eines Grenzgehalts gleich, das man in anderen amerikanischen Ligen längst kennt. Die Footballer in der NFL und die Fußballer in der Major League Soccer haben klare Einkommengrenzen, die Vereine nicht überschreiten dürfen. Ähnlich sieht es bei den Basketballern aus, wobei die NBA Ausnahmen zulässt, während die Eishockey-Stars eine strikte Einkommengrenze zumindest für die ersten drei Jahre ihrer Karriere kennen.

So sehr diese Regelung aus sportlicher Sicht Sinn macht - die erste US-Fußballliga ist an der finanziellen und spielerischen Übermacht von Cosmos New York (Beckenbauer, Pele, Cruyff) zugrunde gegangen, weil die Spiele unausgeglichen und nicht mehr spannend waren! - so sehr macht die Diskussion um pro und contra den Sport kaputt. Denn Fans fällt es verständlicherweise schwer, sich auf die Seite ihrer Stars zu stellen, wenn die in Zeiten konjunktureller Schwäche und vor einer drohenden Rezession einen Streik mit der Tatsache begründen, sie verdienten nicht genug. Mit 48 000 $ verdient der durchschnittliche Spieler pro Woche mehr als der durchschnittliche Amerikaner im ganzen Jahr.

"Was gibt?s denn da zu streiken?", fragen Fans auf Plakaten, die sie im Stadion hochhalten. "Wenn ihr streikt, dann gehen wir", drohen sie, und: "Wenn ihr streikt verzeihe ich euch nie!" Das sind keine leeren Drohungen, und die Liga weiß das. Acht Arbeitskämpfe in den letzten 30 Jahren haben den Sport Sympathie gekostet. Der letzte Spielerstreik in der Saison 1994/95 dauerte 232 lange Tage, ihm fielen 920 Spiele zum Opfer, darunter die Play-Offs und die Nach-Saison. Die Zuschauerzahlen haben sich seither nie mehr erholt.

Nun sind Fans mit Recht wütend auf die gierigen Spieler. Doch dürfte es ihnen noch schwerer fallen, sich auf die Seite der Team-Besitzer zu schlagen. Denn die sind nicht Millionen, sondern Milliarden schwer - und Insider sehen, dass sie heute bereits und mit der von ihnen angestrebten Neuregelung schlicht noch mehr Gewinne einsacken, ohne sie an die Spieler weiterzugeben.

Um Lösungsvorschläge in der nationalen Baseball-Krise ringen mittlerweile hochrangige Experten. In einer Kommission zur wirtschaftlichen Zukunft des Baseball saßen der ehemalige Notenbank-Chef Paul Volcker und Richard Levin, der Präsident der prestigeträchtigen Yale University. Geleitet wurde die Kommission vom ehemaligen Mehrheitsführer im Senat, George Mitchell, doch auch der weiß nicht weiter: "Wir müssen einen Ausgleich schaffen zwischen armen und reichen Clubs", sagt er. "Aber die Schere klafft soweit auseinander, dass das mit gerechten Mitteln kaum möglich ist."

Die Fans wollen diese Unentschlossenheit von höchster Stelle nicht mehr hören. Tausende Amerikaner werden am Freitag fiebern, wenn Spieler und Besitzer vor die Presse gehen. Sollten sie sich bis zum Nachmittag nicht geeinigt haben, werden bereits an diesem Wochenende Spiele abgesagt, und dann droht der Eklat. Die Boykottaufrufe von Sportkommentatoren und Fanclubs sind längst gedruckt, und alles deutet darauf hin, dass die Zuschauer Ernst machen. In einer Umfrage der größten US-Sportzeitschrift "Sports Illustrated" haben 66 % der Leser erklärt, sie würden ihrem Lieblingssport für immer entsagen.

Einer der aktivsten Streiter auf Fan-Seite ist der ESPN-Kolumnist Bill Simmons. Er ruft zum Streik der Zuschauer auf und stellt nun den Fans ihrerseits einen Vorteil der ewigen Finanzstreiterei zwischen Spielern und Clubs in Aussicht. "Wenn genügend Fans für ein paar Wochen aus den Stadien wegbleiben, dann müssen die Clubs die Eintrittspreise senken, um überhaupt weiter existieren zu können." Mehrere tausend Fans haben Simmons bereits per Email Unterstützung zugesagt und versprochen, nicht mehr ins Stadion zu gehen.

Eine ganz andere Lösung haben Boykin Curry und Mark Gerson ausgearbeitet. Die beiden Investmentbanker stellen im Wall Street Journal ihre Vision eines "virtuellen Streiks" vor: Die Spieler streiken zwar, spielen aber in Wahrheit ohne Gehalt weiter. Die Club-Besitzer müssen das Geld dann verschiedenen wohltätigen Gruppen überweisen. Damit könnten die Spieler ihr Image wahren und den ganzen Druck der Verhandlungen auf die Gegenseite lenken - die Gesellschaft als ganzes könnte indes profitieren.

Das ist vor allem insofern eine gute Idee, als sie den Spieß umdreht und verhindern würde, dass außer den Spielern und den Fans ein großer Teil der normalem Bevölkerung spürbar unter einem Arbeitskampf zu leiden hätte. Denn nicht nur die Jobs der schwerreichen Spieler und Manager hängen am Baseball. Mehr als 30 000 Amerikaner arbeiten in den Stadien der Profi-Liga, darunter Sicherheits-Personal, Hot Dog-Verkäufer und Putzfrauen. Wenn diese für mehrere Wochen auf der Straße sitzen, wäre das ein weitere Tritt in den ohnehin darnierderliegenden Arbeitsmarkt.

Und auch einige US-Konzerne hätten unter den Spielausfällen zu leiden. Allen voran Walt Disney und News Corp., deren Sender Fox und ESPN auf Werbeeinnahmen in Millionenhöhe verzichten müssten und statt der anstehenden World Series Serien ins Programm nehmen müssten, deren Werbepausen sich nur für einen Bruchteil der Baseball-typischen Summen füllen lassen. Andere Unternehmen, darunter der "Bud"-Brauer Anheuser-Busch, Pfizer oder PepsiCo müssen im Falle eines Streiks aufwändige Promo-Aktionen streichen, für die bereits mit teuren Anzeigen und Fernsehsports geworben wurde.

Unterm Strich würde ein Streik die ohnehin schwächelnde Konjunktur gefährden. So warnen auch schon einige Kenner der Materie, dass sich in höchster Instanz das Weiße Haus einschalten müsse. Undenkbar ist das nicht. Denn im November stehen in den USA Senatswahlen an, und schon einmal hat eine Partei ihre Mehrheit während eines Baseball-Streiks verloren. Manche Beobachter gehen davon aus, dass der Streik einer der Gründe war, warum den Demokraten 1994 plötzlich so viele Stimmen fehlten. Schließlich ist mit den Fans auch das Wahlvolk enttäuscht, und Frust schadet bekanntlich der regierenden Partei am meisten.

Ob sich Präsident Bush, der übrigens von 1989 bis 1995 einer der Besitzer der Texas Rangers war, tatsächlich einbringt ist indes ungewiss. Seine internationalen Probleme mit Al-Qaida und Irak dürften ihn vom Baseball fern halten.

Apropos international: Ein Blick über den Pazifik stellt die US-Baseballer in gar kein so schlechtes Licht. Denn immerhin reden die Spieler und Club-Besitzer noch miteinander. In Japan tut man das nicht mehr, da sind die Profis vor Gericht gezogen und verklagen ihre Arbeitgeber auf mehrere Millionen Dollar. Die Clubs hatten ihre Spieler an den Videospiel-Riesen Konami lizenziert, doch die Pitcher und Batter wollen die Gewinne ihrer animierten Konterparts selbst einstecken.

© Wall Street Correspondents, Inc.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%