Branchenbericht
Biotechnologie: Das Darwin-Prinzip

Bisher verläuft das Jahr für die Biotech-Aktionäre enttäuschend. Der von der American Stock Exchange berechnete Biotech-Index hat seit Anfang Januar um 27 Prozent nachgegeben. Im Vergleich zum Rückgang von 11 Prozent beim Nasdaq-Marktindex schneidet der Sektor damit deutlich schlechter ab.

wsc NEW YORK. Spannende Tage für den Biotech-Sektor: In Orlando, Florida, versammeln sich Krebsexperten aus aller Welt. Es ist das größte Treffen dieser Art. Die Doktoren besprechen die aktuellen Tests und Entwicklungen der Medikamentenhersteller. Dabei ist Kandidat ImClone am Sonntag mit dem Darmkrebs-Mittel Erbitux durchgefallen. Am Montag sackte der Kurs von ImClone um 14 Prozent in den Keller.

Die diesjährige Medizinerversammlung hatte schon im Vorfeld Auswirkungen auf die Kurse der Biotech-Werte. Sechs Monate vorher müssen die klinischen Testdaten der sogenannten ASCO-Versammlung zur Verfügung gestellt werden. Im Prinzip sind diese Daten vertraulich. Sie geben einen Hinweis auf die möglichen zukünftigen Erfolge oder Misserfolge von Neuentwicklungen. Doch so mancher Wall Street-Stratege besorgte sich ein ASCO-Passwort, lud die Daten aus dem Internet und handelte entsprechend. Weil die Ergebnisse für das Krebsmedikament Avastin schlechter als erwartet ausfielen, fiel der Kurs von Hersteller Genentech auf einen Schlag um 12 Prozent.
Jetzt hat Genentech eine neue Chance. Zusammen mit IDEC Pharmaceuticals kann die Nummer 2 unter den Biotech-Entwicklern sein Krebsmittel Rituxan den ASCO-Medizinern vorstellen. An positiven Nachrichten ist die Branche derzeit arm.

Bisher verläuft das Jahr für die Aktionäre enttäuschend. Der von der American Stock Exchange berechnete Biotech-Index hat seit Anfang Januar um 27 % nachgegeben. Im Vergleich zum Rückgang von 11 % beim Nasdaq - Marktindex schneidet der Sektor damit deutlich schlechter ab. Schwachen Trost halten die Aktienexperten von Merrill Lynch bereit: "Der Ausverkauf der Biotechnologie-Aktien in 2001 und 2002 hat zu einer Rückkehr auf ein gesundes Niveau geführt." Der Biotech-Index, mit Werten wie Affymetrix, MedImmune oder Immunex, notiert momentan mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 45. Im historischen Durchschnitt (1991 bis heute) liegt das KGV bei 43. Der höchste Stand lag bei euphorischen 155.

Eine nachhaltige Erholung der gesamten Branche dürfte es kurzfristig nicht geben. Dagegen sprechen verschiedene Faktoren: Es steht kein "Bestseller" zur Markteinführung an. Es gibt keine Testergebnisse, die auf einen bevorstehenden medizinischen Durchbruch hinweisen. Damit nicht genug, häufen sich die Probleme bei der Zulassung. Die FDA, die zuständige US-Behörde, gilt als Nadelöhr. Immer öfter verlangen die Experten zusätzliche Testreihen oder verschieben die Anhörungen. Erst vor kurzem bekam Sepracor das Misstrauen der FDA zu spüren. Dem Anti-Allergikum Soltara wurde die Zulassung verweigerte. Noch verhandelt das Unternehmen mit der FDA. Aber das Ergebnis ist völlig offen. Pech für die Anleger. Sie hatten auf eine rasche Einführung des Allergiemittels gesetzt. Die Aktie verlor nach der Absage die Hälfte ihres Wertes.

Eric Ende, Analyst bei Merrill Lynch, sieht allerdings langfristig durchaus Potenzial. Eine ganze Reihe von Medikamenten befinde sich in der letzten klinischen Testphase, was auf einen Anstieg der Markteinführungen in den nächsten Jahren hoffen lässt. Bis zum Jahr 2005 rechnet der langjährige Branchenkenner mit einer Verdopplung der momentan 100 auf rund 200 Neuzulassungen. Noch immer fahren die meisten Biotech-Firmen Verluste ein. Auch das soll besser werden, so Ende: 32 Unternehmen schrieben 2001 schwarze Zahlen, schon im laufenden Jahr sollen es 45 werden - dank effizienterer Forschung.

Trotz der positiven Aussichten zeichnet sich die Branche durch ein hohes Risiko aus. Nicht umsonst überlassen die Pharmariesen den größten Teil der Forschungsarbeit den Kleinen der Branche. Sollte eine Entwicklung fehlschlagen oder die FDA einem Medikament die Zulassung versagen, trägt das Biotechnologieunternehmen das Hauptrisiko. Schätzungen gehen davon aus, dass nur 10 bis 20 % der Arzneimittel nach kostspieligen klinischen Studien auch wirklich in den Apotheken erhältlich sind. Zeigt sich jedoch, dass ein Medikament Erfolg am Markt hat, springen die Pharmariesen auf den fahrenden Zug auf. So weckte jüngst das Krebsmedikament Leukine aus dem Hause Immunex das Interesse des Pharma-Konzerns Schering. Für 380 Mio. Dollar verkaufte das US-Biotech-Unternehmen seine Herstellungs- und Vertriebsrechte an die Deutschen. Das Medikament, welches das Immunsystem nach Knochenmarktransplantationen und Chemotherapien stärkt, brachte Immunex im vergangenen Jahr rund 108 Mio.Dollar Umsatz ein. Schering will mit dem Kauf seine Position in den USA stärken.

Im Gegensatz zur Vergangenheit herrscht auf dem Markt für Neuentwicklungen ein harter Wettbewerb. Beispiel Biogen. Das amerikanische Unternehmen hat Avonex entwickelt, ein Mittel zur Behandlung von Multipler Sklerose. Im vergangenen Jahr nahm Biogen 1 Mrd. US-Dollar mit Avonex ein. Seit Jahresbeginn ist die europäische Konkurrenz da: Serono, Europas Nummer 1, hat die Genehmigung der FDA für Rebif erhalten. Die Zielgruppe beider Produkte ist dieselbe. Serono will in drei bis vier Jahren einen Marktanteil von 25 Prozent erreichen. Eine echte Bedrohung: Wie viele Unternehmen ist Biogen ein "One Hit Wonder", Avonex ist bisher das einzige Produkt auf dem Markt. Amevive, ein Schuppenflechte-Mittel, sollte aus dieser Abhängigkeit führen. Doch nun gibt es Berichte über starke Nebenwirkungen und die Sorge, dass Amevive bei der FDA durchfällt.

Eine Konsolidierung der Branche scheint bereits eingeläutet. Bio-Riese Amgen plant die Übernahme von Immunex für 16 Mrd. Dollar. Wenn Aktionäre und Wettbewerbsbehörden der Akquisition keine Steine in den Weg legen, soll der Deal im Juni abgeschlossen werden. Das Ziel der Fusion ist klar: Stark gestiegene Kosten für Marketing sowie Forschung und Entwicklung sollen gesenkt werden. Ganz wie sonst im Reich der Biologie: Der Stärkste überlebt.

Tipps für Biotech-Käufer:

Analyst Eric Ende von Merrill Lynch rät Einsteigern in Biotech-Aktien auf folgendes zu achten:

(1) Liegt die aktuelle Bewertung unter dem historischen Durchschnitt?
(2) Gibt es neue Medikamente, die den Umsatz antreiben?
(3) Lassen sich die Chancen bei der US-Zulassungsbehörde FDA einschätzen?
(4) Gibt es Informationen über vielversprechende Testdaten?
(5) Haben sich die Quartalsergebnisse verbessert?
(6) Nimmt der Kapitalfluss in den Biotechnologie-Sektor wieder zu?

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