Branchenbericht: Brokerhäuser
Die schönen Zeiten sind vorbei

In Jeans und T-Shirt ins Büro kommen, das war einmal. Die legeren Zeiten bei den Investmentbanken sind vorbei. Bear Stearns verlangt, dass männliche Angestellte wieder in Anzug und Krawatte erscheinen, Frauen im Hosenanzug, Kostüm oder Kleid. "Vor allem in diesen schwierigen Zeiten ist es wichtig, dass alle Aspekte unseres Geschäftsbetriebes unser Engagement gegenüber den Kunden und der Firma widerspiegeln - auch die Kleidung", heißt es bei der sechstgrößten US-Investmentbank.

Auch die Deutsche Bank und Lehman Brothers sind schon früher auf den alten Kurs eingeschwenkt. Auf der Höhe der Internetblase wollten Investmentbanken verhindern, dass qualifizierte Mitarbeiter zu Start-Up-Unternehmen abwandern. Diese Befürchtung dürfte derzeit wohl niemanden mehr plagen. Im Gegenteil: In den letzten 21 Monaten haben an der Wall Street 68 000 Menschen ihren Job verloren. Die verbliebenen Banker mussten zumindest bei den Bonuszahlungen Rückgänge von bis zu 50 % hinnehmen.

Das Umfeld der Investmentbanken ist düster. Der M&A-Bereich, also das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen, ist um 34 % eingebrochen, und auch bei neuen Börsengängen sieht es nicht besser aus. Das IPO-Geschäft ist um 13 % zurückgegangen. Das Wertpapiergeschäft ist weiterhin aufgrund des negativen konjunkturellen Umfelds und der politischen Risiken schwach.

Dafür scheint zumindest an anderer Front Ruhe einzukehren. Die großen Brokerhäuser haben sich am Freitag mit der New Yorker Generalstaatsanwaltschaft auf die Zahlung von mehr als 1 Mrd. $ geeinigt, die als Entschädigung für unfaire Aktienanalysen gezahlt werden. Ein Teil der Summe soll in einen Fond für geprellte Anleger fließen. Zu den Firmen, die zahlen müssen, gehören Goldman Sachs, Merrill Lynch, Morgan Stanley, CSFB, Citigroup, Bear Stearns, U.S. Bancorp, Deutsche Bank, Lehman Brothers, J.P. Morgan Chase, UBS Paine Webber und Thomas Weisel. Fortan sollen die Brokerhäuser außerdem eine strengere Trennung der Bereiche Aktienresearch und Investmentbanking einführen, die von einem unabhängigen Beobachter überwacht werden soll.

Ein letzter Hoffnungsschimmer bei den Banken ist der Kredit-Bereich. Der Leitzinssatz der US-Notenbank befindet sich auf dem niedrigsten Niveau seit mehr als 40 Jahren. Die Senkung der Federal Fund Rate auf 1,25 % hat die Rallye am Immobilienmarkt noch einmal so richtig angefacht. Kredite sind zurzeit gefragt wie nie zuvor. Aufgrund der günstigen Zinssituation refinanzieren viele Hauseigentümer ihre Darlehen.

Allerdings ist gerade das Kreditgeschäft bei den Banken unterschiedlich stark ausgeprägt. Einen Ausblick darauf, wie es weitergehen könnte und welche Häuser von der aktuellen Marktsituation profitieren können, gaben vier Branchenriesen in dieser Woche im Rahmen ihrer Quartalskonferenzen: Bear Stearns, Goldman Sachs, Lehman Brothers und Morgan Stanley. Da trennte sich die Spreu vom Weizen.

Den Anfang machte am Mittwoch das Traditionshaus Bear Stearns, und zwar mit dem besten Netto-Ergebnis seit dem Börsengang im Jahre 1984. Bravourös, könnte der Investor auf den ersten Blick meinen, und auch CEO James Cayne macht dieses Ergebnis "stolz". Allerdings kam der Gewinn bei Bear Stearns nur durch enorme Kostenreduzierungen zustande. Gleichzeitig konnten sinkende Gewinne im Geschäft mit Aktien sowie mit übrigen Wall-Street-Aktivitäten besser aufgefangen werden als bei der Konkurrenz . Das Unternehmen konnte von seiner verstärkten Fokussierung auf den Bereich Hypothekenpfandbriefe, so genannter Mortgage-backed Securities, profitieren.

Gleichzeitig scheint das Management von Bear Stearns aber nach konstanten Erträgen zu trachten. Gerüchten zufolge erwägt Cayne, das Clearing-Geschäft seines Hauses auszubauen. Diese Sparte umfasst die Wertpapierabwicklung und hat den Vorteil sehr stabiler Umsätze. Anders als beispielweise das Wertpapiergeschäft, das aufgrund der jeweiligen Marktsituation starken Schwankungen unterliegt. Cayne scheint Interesse an der Clearing-Sparte von Credit Suisse First Boston zu haben.

Auch Goldman Sachs wird Interesse in diesem Bereich nachgesagt. Das Unternehmen könnte stabile Erträge durchaus gebrauchen. Bei Goldman hat sich der Umsatzrückgang im abgelaufenen Quartal durch alle Geschäftsbereiche gezogen. Im Bereich Anleihen, Währungen und Rohstoffe sank der Umsatz von 867 auf 793 Mill. $. Noch schlechter fällt die Bilanz im Investmentbanking aus. Der Bereich, der die Beratung bei Fusionen und Übernahmen sowie das IPO-Geschäft einschließt, musste einen Umsatzrückgang von 797 auf 523 Mill. $ hinnehmen. Das kostete dieses Quartal knapp 1000 Angestellte ihren Job.

Ähnlich die Situation bei Morgan Stanley: Außer in der Sparte Kreditkarten zog sich der Umsatzrückgang von 8 % ebenfalls durch alle Bereiche. Trotz erheblicher Einsparungen beim Personal, alleine 2200 Mitarbeiter im abgelaufenen Quartal, konnte Morgan Stanley den Rückgang in den Bereichen Investmentbanking und Trading nicht ausgleichen. Seit dem Jahr 2000 musste die Bank einen Rückgang der Umsätze von 67 % im Investmentbanking und von 58 % im IPO-Geschäft verbuchen.

Der traditionell hohe Anteil des Rentengeschäfts bei Lehman Brothers hat das Unternehmen das schwierige Umfeld im Aktien-, M&A- und IPO-Geschäft gut meistern lassen. Trotzdem darf der Anleger sich nicht von der ersten hohen Gewinnsteigerung seit dem zweiten Quartal 2001 blenden lassen. Sie ist darauf zurückzuführen, dass Lehman Brothers im Vergleichsquartal des Vorjahres hohe Sonderkosten hatte, da man nach den Terroranschlägen des 11. September aus seinem Hauptsitz im World Financial Center ausziehen musste. Nun wiederum kam ein großer Teil der Gewinne aus Versicherungsleistungen im Zusammenhang mit den Terrorangriffen. Das Unternehmen hat im vierten Quartal eine Zahlung von 108 Mill. $ erhalten. Ohne diese Sonderleistung sähe die Bilanz ganz anders aus.

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