Branchenbericht
Kreditkarten in den USA: Höhere Rücklagen, höhere Auflagen – weniger Kunden

Zwischen Anzeigenblättern, Wahlkampfprospekten und sonstiger Junk-Mail fallen sie gar nicht mehr auf, so alltäglich sind sie geworden: die Briefe der Kreditkartengesellschaften, die "ausgewählte Kunden" bereits vorab für kredittauglich befunden haben und nun nur noch die Karte rausschicken wollen.

NEW YORK. Unbegrenztes Limit, bitte unterschreiben Sie hier! Fünf Milliarden solcher Angebote sind in den USA allein im vergangenen Jahr verschickt worden - das sind 50 pro Haushalt und ganze 40 % mehr als im Jahr zuvor.

Nur noch ausfüllen, unterschreiben und ab die Post, so einfach wäre es mittlerweile, den Kreditrahmen ein wenig zu erweitern. Doch zurückgesandt werden die Formulare kaum noch. So bleiben die Unternehmen auf ihren Karten sitzen, der Markt stagniert. Die Branche steckt in einer Krise. Haben kaufwütige US-Bürger in 2000 noch 1,3 % aller Anträge zurückgeschickt und eine Karte erhalten, so sind es jetzt nur noch 0,6 %. Dass sich nicht mehr Leute für die schicken Plastikkärtchen begeistern, die noch wenigen Jahren den Glanz von Exklusivität und Eleganz ausstrahlten, hat vor allem zwei Gründe:

Verbraucher zögern

Zum einen halten sich Verbraucher angesichts der schwachen Konjunktur zurück. "Vor allem die Unsicherheit am Arbeitsmarkt hat viele Amerikaner gelehrt, sich nicht länger auf die ,Heute-kaufen-morgen-bezahlen-Mentalität? zu verlassen", meint Donald Rehorn vom Zentrum für Kreditkartenberatung im kalifornischen Sacramento. Zum anderen wissen die Verbraucher mittlerweile um die Risiken unbegrenzter Kreditlimits. Nachdem sich leichtsinnige Kunden jahrelang in die Schuldenfalle geshoppt haben, ist man heute vorsichtiger geworden.

Diese Vorsicht passt den Unternehmen gar nicht ins Konzept. Denn das Geschäft mit dem Leichtsinn ist ein profitables. Gesetzt den Fall, dass ein überschuldeter Kunde nur minimale Abschlagszahlungen machen kann, braucht er bei einem in den USA nicht unüblichen Kreditkartenzins von 29 % ganze 42 Jahre, um ein Darlehen von 3000 $ zurückzuzahlen - er zahlt dabei 13 459 $ drauf.

Firmen fehlen die Neukunden

Das ist ein gutes Geschäft für die Kreditkarten-Provider, und im Moment ist es sogar noch ein wenig besser, weil man die aktuell niedrigen Zinsen nicht oder nur zu einem kleinen Teil an die Kunden weitergibt und somit noch höhere Margen erzielt als sonst. Während die Notenbank die Zinsen im vergangenen Jahr um 4,75 Prozentpunkte gesenkt hat, haben die Unternehmen ihre Sätze nur um 1,35 Punkte heruntergefahren.

Doch dass den Firmen die Neukunden fehlen und Verbraucherschützer immer aggressiver davor warnen, mehr als zwei Kreditkarten im Portemonnaie zu haben, ist nicht das einzige Problem der Branche. Auch hinter den Kulissen läuft es längst nicht mehr so gut wie einst. Die Regulierungsbehörden fordern immer mehr Sicherheiten von den Geldverleihern, und das passt den Unternehmen ebenso wenig wie den Aktionären, die sich seit Wochen von Papieren wie MBNA Corp., Capital One, Metris, Providian und Household International distanzieren.

Branchenriese MBNA musste erst in der vergangenen Woche Sonderrücklagen von fast 300 Millionen Dollar beschließen, um den neuesten Vorschriften der Behörden gerecht zu werden. Nur einen Monat zuvor musste Konkurrent Capital One 247 Millionen Dollar beiseitelegen, um im Notfall ausbleibende Rückzahlungen und Gebühren refinanzieren zu können.

Dass die amerikanischen Behörden eine so drastische Erhöhung der Rücklagen verlangen, liegt unter anderem daran, dass man die Kundenstruktur und die Werbekonzepte der Unternehmen durchschaut hat. Beide werden nicht etwa von der zahlungskräftigen Klientel dominiert, sondern nach wie vor von Einkaufswilligen mit geringer oder gar keiner Kreditwürdigkeit. Diese sorgen bei manchen Unternehmen für 40 % der Umsätze.

Den Behörden ist das zuviel, weshalb sie auch nicht nur die Mindestrücklagen für Karten-Provider erhöht haben, sondern auch die Bestimmungen zur Kundenanwerbung ändern wollen. Künftig soll nicht mehr jeder Briefkastenbesitzer ein "ausgewählter Kunde" sein, künftig dürfen Kreditkarten nur vergeben werden, wenn ein Blick in die Kreditakte entsprechendes rechtfertigt. Die Branche soll so gesundschrumpfen. Doch bis dahin werden vor allem die ungeheuren Mengen Junk-Mail zurückgehen, die Briefkästen von New York bis Kalifornien verstopfen.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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