Branchenbericht: Öl
Irakkrieg: Schreckgespenst für den Ölpreis

Die Welt atmet auf. Ein Militärschlag der Amerikaner und ihrer Verbündeten gegen den Irak ist scheinbar vom Tisch.

Der irakische Diktator Saddam Hussein hat der Wiederaufnahme der UN-Waffeninspektionen zugestimmt. 1998 hatte er die Inspektoren, die die Abrüstung im Irak überwachen sollten, wegen Spionageverdachts des Landes verwiesen.

Als Reaktion auf die Annahme der UNO-Resolution durch den Irak fielen die Ölpreise. Die Notierung für ein Barrel (159 Liter) Öl der Nordseesorte Brent fiel auf ein Fünf-Monats-Tief von 22,64 $. Wenige Wochen zuvor hatte Brent aufgrund der Angst vor einem bevorstehendem bewaffneten Konflikt im Irak noch bei 30 $ pro Barrel notiert. Doch der niedrige Ölpreis verwundert Experten nicht. Denn ohne das Kriegsrisiko notierte das schwarze Gold aufgrund der schwachen Nachfrage wohl eher bei 20 $ als bei 30 $, so William Brown, Präsident der New Yorker Öl-Beratungs-Gesellschaft W.H. Brown & Co.

Doch nur wenige Tage nach der Zustimmung von Saddam Hussein zur UNO-Resolution schießt der Ölpreis mit seinem stärksten Wochenanstieg seit August, fast 10 % in fünf Handelstagen, auf über 25 $ pro Barrel.

Was war passiert? Während die Vereinten Nationen die Wiederaufnahme der Waffeninspektionen im Irak vorbereiteten, haben die USA ihre Vorbereitungen für einen möglichen Krieg gegen Bagdad vorangetrieben. In Großbritannien ging ein offizielles Gesuch der USA ein, in dem um die Bereitstellung von Truppen im Falle eines Krieges gebeten wird. Gleichzeitig wird bekannt, dass das US-Verteidigungsministerium seine Truppen in Kuwait verdoppelt hat und Manöver an der Grenze zum Irak durchführt. William Brown sieht in diesen Entwicklungen eindeutig den Grund für den wiedererstarkten Ölpreis: "Der Anstieg innerhalb der letzten Woche hängt fast ausschließlich mit dem Irakkonflikt sowie den Statements der Bush-Administration zusammen."

Sollte Saddam Hussein erneut versuchen, mit den UN-Waffeninspektoren Katz und Maus zu spielen, dann werden die USA mit einem Militärschlag reagieren, daran zweifelt niemand. Präsident Bush hat keine Unklarheit darüber gelassen, dass das jetzige Regime für ihn eine "tödliche Bedrohung" für Amerika und die Welt darstelle. Sein Vize Dick Cheney hatte vor einigen Wochen die Rückkehr der UN-Waffeninspekteure in den Irak sogar als überflüssig bezeichnet - er wollte diesen Schritt direkt übergehen. Eins steht fest: Die Bush-Administration würde die Regierung im Irak lieber heute als morgen austauschen.

In der öffentlichen Diskussion über den Irak geht es um dessen Massenvernichtungswaffen und um die unübersehbaren Risiken eines Krieges. Die Entwicklung des Ölpreises spielt jedoch im Hintergrund eine ebenso große Rolle. Sollte es zum Krieg kommen, so dürfte die Weltwirtschaft je nach Kriegsverlauf von einem niedrigeren Ölpreis profitieren oder von einem hohen in die Rezession zurückgeschickt werden. 1990 verdoppelte sich das Niveau des Ölpreises innerhalb weniger Wochen von 20 $ auf 40 $ pro Barrel, nachdem Saddam Husseins Truppen den reichen Nachbarn Kuwait überfallen hatten. Mit Beginn der Operation "Desert Storm" fielen die Ölnotierungen und lagen bald deutlich tiefer als vor Ausbruch der Golfkrise.

Diesmal unterscheidet sich die Ausgangssituation jedoch grundlegend von der von 1990. Damals eilten die USA und ihre Verbündeten dem befreundeten Staat und großem Öllieferanten Kuwait zur Hilfe. Diese Aktion fand sogar Zuspruch in der arabischen Welt. Schließlich mussten auch andere Länder wie beispielsweise der größte Erdöllieferant der Welt, Saudi-Arabien, damit rechnen, Husseins Truppen zum Opfer zu fallen. Heute lehnen die arabischen Länder einen Waffengang gegen Hussein jedoch ab. Sie glauben nicht, dass vom Irak eine unmittelbare Bedrohung ausgeht. Die USA rechtfertigen den von ihnen propagierten Präventivschlag, also einen Angriff, nur notdürftig mit dem Anspruch auf Selbstverteidigung. Außer dem engsten Verbündteten der USA, dem Vereinigten Königreich Großbritannien, scheint niemand an eine aktuelle Bedrohung durch den Irak zu glauben - weder in Europa noch in der arabischen Welt.

Ein Alleingang der USA könnte somit im schlimmsten Fall das gesamte Geflecht der internationalen Beziehungen destabilisieren und einen "Flächenbrand" im Nahen Osten auszulösen. Der ehemalige saudi-arabische Ölminister Saki Jamani warnt: "Wenn es zu einem dramatischen Konflikt im Nahen Osten kommt und die Araber den Ölexport erheblich verringern, kann der Ölpreis leicht bis auf 100 $ pro Barrel ansteigen." Dieses "worst case scenario" gilt unter den meisten Experten jedoch als relativ unwahrscheinlich. Die öffentlichen Haushalte der Ölstaaten sind extrem stark von den Exporten des schwarzen Goldes abhängig. Primär dürfte dem Weltmarkt lediglich das irakische Öl abhandenkommen. Irak fördert und exportiert jedoch aufgrund der internationalen Sanktionen weit unter einer Million Barrel am Tag. Das ist wenig verglichen mit Saudi Arabien oder Russland mit jeweils rund acht Millionen Barrel pro Tag.

Eine amerikanische Militäraktion dürfte den Ölpreis aber zumindest aufgrund der Unsicherheit über den Ausgang zunächst steigen lassen. Alles weitere hängt dann vom Verlauf des Krieges ab. Sollte es den Amerikanern gelingen, den Krieg relativ schnell und ohne größere Verluste zu ihren Gunsten zu entscheiden, könnte der Ölpreis schon bald nach Ausbruch des Krieges die Kehrtwende antreten. Bei einer Ablösung des irakischen Diktators Saddam Hussein und der Einsetzung einer pro-westlichen Regierung nach dem Vorbild Afghanistans könnte der Ölpreis auf eine Bewertung von 20 $ pro Barrel fallen. Der Irak verfügt hinter Saudi Arabien über die zweitgrößten Ölreserven der Welt. Diese können jedoch aufgrund der Schäden aus 20 Jahren Krieg und Embargo derzeit nicht genutzt werden. Würde beispielsweise ein pro-westlicher Irak aus der OPEC, der Organisation Erdöl exportierenden Länder, austreten, könnte die OPEC kein effektives Kartell mehr bilden. Ohne den Irak hielte die OPEC nur noch ein Viertel des Welt-Ölmarktes gegenüber 40 % heute. Für diesen Fall erwarten amerikanische Energiefachleute einen sehr schnellen Fall des Ölpreises auf bis zu 15 $. Die Folgen für die Erholung der Weltkonjunktur wären beachtlich.

Nach einem Krieg im Irak könnte das Rennen globaler Konzerne um die irakischen Ressourcen beginnen. Der Irak verfügt über die zweitgrößten Ölvorkommen der Welt. Und im Kielwasser der US-Marines hätten amerikanische Ölmultis wie ExxonMobil und ChevronTexaco die beste Ausgangssituation. US-Ölfirmen können in dem Land, in dem elf % der bekannten Erdöl-Reserven der Welt lagern, eigentlich nur gewinnen.

Aber auch die großen europäischen Ölmultis wie BP, Shell und Total dürften ihr Stück vom Kuchen abbekommen. Dafür sorgt schon die Diplomatie. Für einen Einsatz gegen den Irak braucht Amerika die Stimmen der europäischen Partner und Russland im UN-Sicherheitsrat. Schon im Zuge der neusten UN-Resolution gegen den Irak soll die Bush-Regierung garantiert haben, die Interessen europäischer Konzerne im Irak zu wahren. Außerdem bietet der Irak Raum für eine Fülle von Konzernen. Auch die Praxis der Öl-Förderung zeigt, dass riesige Ölfelder ohnehin meist von multinationalen Konsortien erschlossen werden, nicht von Einzelunternehmen.

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