Branchenbericht: Pharma und Generika
Parteiübergreifender Kampf um einen Milliarden-Markt

Im Jahr 1984 setzen die Senatoren Hatch und Waxman ein Gesetz durch, dass der US-Pharmabranche Auftrieb verlieh wie nie zuvor. Es sprach den Konzernen nicht nur 20-jährigen Patentschutz für neue Medikamente zu, sondern darüber hinaus eine ganze Reihe von Maßnahmen, mit denen man die Hersteller von Generika auf Distanz halten konnte.

Von Lars Halter, © Wall Street Correspondents, Inc.

Auf lange Sicht versprachen Schmerzmittel, Antidepressiva, Medikamente gegen Blutarmut und Parkinson zu Goldgruben zu werden, was Unternehmen anspornte, zig Millionen Dollar in die Forschung und Entwicklung neuer Präparate zu stecken.

Im Jahr 2002 wollen die Senatoren McCain und Schumer ein Gesetz durchsetzen, dass die Pharmabranche unter Druck setzt wie nie zuvor. Es spricht den Konzernen zwar den 20-jährigen Patentschutz für neue Medikamente nicht ab, allerdings einige der übrigen Maßnahmen, die sich mittlerweile zwar als höchst förderlich für die Konzerne, als höchst schädlich aber für Wettbewerb, Verbraucher - und letztlich den Staat herausgestellt hatten.

Was war passiert? Über die Jahre hatten die Pharmakonzerne im Hatch-Waxman-Gesetz immer mehr Hintertürchen aufgestoßen, um die Konkurrenz anzugreifen und meist erfolgreich zu lähmen. Hatte man einen Patentschutz ursprünglich ab dem Moment gewährt, in dem das Patent angemeldet wurde - was meist Jahre vor Markteinführung des Medikaments ist -, so dehnten die Branchenriesen um Pfizer, Merck, Eli Lilly und GlaxoSmithKline ihren Schutz immer weiter aus, indem sie regelmäßig neue, verwandte Patente anmeldeten, und die Uhr neu starteten.

Und wenn doch einmal ein Generika in Sicht war und dem meist wesentlich teuren Bruder den Kampf ansagte, dann reichte es aus, wenn der Pharmariese Einspruch erhob und automatische eine 30-Monats-Sperre gegen das neue Mittel erwirken konnte. Ob ein Einspruch irgendeine gesetzliche oder patentrechtliche Grundlage hatte, wurde nicht geprüft. "Eine völlig unsinnige Klage hat die selbe Sperre bewirkt wie eine Grundsatzklage gegen wirkliche Patentrechtsverletzungen", beklagt Kathleen Jaeger, Präsidentin des Branchenverbandes Generic Pharmaceutical Association.

Kritiker, die den Pharmakonzernen schon lange fragwürdige bis schlichtweg illegale Praktiken vorgeworfen haben, wurden nicht gehört. Bis sich der Republikaner McCain und der Demokrat Schumer zusammengeschlossen haben. Das Bündnis funktioniert parteiübergreifend, da die Stimme eines Lobbyisten lauter geworden ist als die der größten Konzerne: Der Verbraucher spricht - denn der ist zwanzig Jahre nach Hatch und Waxman das Opfer eines immer verrückteren Preiskampfes.

Beth Constantine kann ein Lied davon singen. Sie hat ihren Job verloren und damit ihre Krankenversicherung. Ihr Psychopharmaka Paxil für monatliche 100 $ kann sie sich nicht mehr leisten - und ein billigeres Präparat gibt es nicht, da Hersteller GlaxoSmithKline den Hersteller des Ersatzpräparates Paroxetine für besagte 20 Monate gebannt hat. Ähnliches hatte bis vor einiger Zeit auch Eli Lilly geschafft: Die Umsätze des Antidepressivums Prozac ließ man sich vom um zwei Drittel billigeren Fluoxetine nicht kaputt machen. Erst in diesem Jahr kam Konkurrenz auf den Markt, mit spürbaren Folgen für Eli Lilly, dessen Gewinne stark einbrachen.

Für den Verbraucher ist das gut, und auch für den Staat, dessen medizinische Versorgungskosten drastisch sinken. Die Pharmariesen sind indes verständlicherweise sauer, und sie haben tatsächlich ein Argument, dass den Senatoren McCain und Schumer noch zu einer großen Hürde werden könnte. "Der Patentschutz ist überhaupt der Anreiz für ein Unternehmen, so viel Geld in die Entwicklung neuer Produkte zu stecken", sagt Mary Anne Rhyne von Glaxo. "Patente sind die Basis auf der Amerika großartige Produkte entwickeln konnte."

Hinter so viel Pathos steckt auch viel Wahrheit. Die Pharma-Riesen lassen sich jahrelange Forschung und Entwicklung einiges Kosten - und sehen sich dann Unternehmen wie Teva gegenüber. Der Hersteller mit Sitz in Jerusalem hat 62 Produkte in der Pipeline, von denen 42 in laufenden Patentverfahren gegen die Blockbuster-Medikamente der Branchenführer stecken. Eines davon soll noch in diesem Quartal gegen Glaxos Antibiotika Augmentin antreten.

Weitere Pharma-Konzerne, deren Patente zur Zeit nur noch durch den 30-Monats-Bann geschützt sind, sind beispielsweise AstraZenecas mit Prilosec, einem Mittel gegen Magenbeschwerden, Pfizer mit der Epilepsie-Pille Neurontin, Orths-McNeil mit dem Schmerzmittel Ultram oder Bristol-Myers Squibb mit BuSpa, einem Medikament gegen Angstzustände.

Die Anleger wissen diese Veränderungen am Markt schnell umzurechnen. Seit vier Wochen handeln die Aktien der Generika-Hersteller deutlich stärker als die der Pharma-Riesen - und das, obwohl die McCain-Schumer-Vorlage noch gar kein Gesetz ist. Der Kongress hat sich bereits mit den Vorschlägen der Senatoren beschäftigt, eine Entscheidung steht noch aus. Der Senat wird sich ebenfalls im laufenden Quartal mit der Konkurrenzsituation auf dem Medikamenten-Markt beschäftigen.

Sollten beide Häuser der Vorlage zustimmen, dann dürften die Aktien der Generika-Hersteller einen Aufschwung erleben - denn sie hätten nahezu freien Zugang zu einem mehrere Milliarden Dollar schweren Markt, um den Washington zwei Jahrzehnte lang hohe Mauern gebaut hatte.

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