Branchenbericht: Venture Capital
Ozapft is – aber der Geldhahn bleibt zu

Während in der Boom-Phase Investoren den Start-up-Unternehmen das Geld nachtrugen, sind sie nun sehr zurückhaltend. Das Wagnis ist den Risikokapitalgebern zu groß geworden.

NEW YORK. Dresscode: Designer-Anzug und Turnschuhe. Es ist noch gar nicht so lange her, dass sich Scharen von Jungunternehmern und potentiellen Geldgebern in hippen Großstadt-Lofts zu Prosecco und Lachsbrötchen trafen, um sich selbst, die New Economy und die Nasdaq hochleben zu lassen. Schnöde Langweiler aus der Old Economy hatten auf solchen "Netzwerk-Parties" nichts zu suchen. Das Geld der risikofreudigen Investoren schien auf dem Boden geradezu herumzuliegen, und man brauchte es nur aufzuheben.

Heute trifft man sich wieder - allerdings auf der "Pink Slip Party", wo man den Untergang der einst hoffnungsvollen Start-Ups nicht weniger feucht zu begehen. Obwohl man inzwischen auf dem Trockenen sitzt, denn der Geldhahn wurde zugedreht. Den Risikokapitalgebern, die Unternehmensgründern beim Aufbau ihres Geschäfts die benötigten Mittel zur Verfügung stellen, ist das Wagnis zu groß geworden.

Das zumindest belegen die Zahlen, die PricewaterhouseCoopers zusammen mit der britischen Venture Capital Firma 3i in ihrer aktuellen Studie "Global Private Equity Report" ans Licht bringt. Im vergangenen Jahr belief sich das weltweite Volumen des investierten Wagniskapitals auf rund 100 Mrd. $. Im Vergleich zum Rekordjahr 2000, in dem die Hightech-Blase die Nasdaq bis auf 5000 Punkte aufblähte, bedeutet das einen Einbruch um satte 50 %. Dieses Jahr rechnet man mit einem weiteren Rückgang um 30 %.

Der Löwenanteil von 95 % des investierten Kapitals kommt aus den USA. Mit rund 60 Mrd. $ schrumpften die Investments im Vergleich zum Vorjahr aber auch hier um mehr als die Hälfte und das zweite Quartal des laufenden Geschäftsjahres war das schwächste seit 1998. Damit ist man wieder an einem Stand wie zu Zeiten vor dem Boom angelangt: "Diese Rückkehr auf ein normaleres historisches Niveau spiegelt das unsichere wirtschaftliche Umfeld, den schwachen IPO-Markt und den Trend zu realistischeren Unternehmensbewertungen wider", kommentiert Tracy Lefteroff, Global Managing Partner bei PricewaterhouseCoopers, die Ergebnisse.

Gesellschaften konzentrieren sich auf bestehende Portfolios

Vor dem Hintergrund von Gewinneinbrüchen, Bilanzskandalen und ausbleibender Nachfrage im Technologiesektor lassen die Märkte derzeit kaum auf Erholung und Stabilität hoffen. Entsprechend ruhig ist es um Börsengänge geworden, auch Fusionsaktivitäten bleiben aus. Die rund 650 amerikanischen Venture Capital Gesellschaften sind vorsichtig geworden und konzentrieren sich zunehmend auf ihre bereits bestehenden Portfolios.

Über diese Risikoscheu ärgert sich VC-Veteran Joseph Bartlett, Senior Partner bei Morrison & Foerster, zumal die Krise hausgemacht scheint. "Ich fürchte, dass Politiker, Analysten und Staatsanwälte auf Dauer einen wichtigen Wachstumsmotor der US-Nachkriegswirtschaft abwürgen." Er spielt damit auf die Maßnahmen der Bundesbehörden hin, beispielsweise durch neue Bilanzierungsstandards mehr Einblicke in die Bücher zu gewähren und Manager für Fehltritte persönlich haftbar zu machen - kein besonderer Anreiz, eine Unternehmensgründung zu wagen.

Ein paar Mutige gibt es aber doch: Die Geldgeber machten im zweiten Quartal 2002 durchschnittlich jeweils 7 Mio. $ für insgesamt 819 kapitalsuchende Start-Ups locker - fast genauso viele wie im vergangenen Jahr. Besonders aktive VC-Firmen wie New Enterprise, Draper oder Venrock schlossen bis zu 20 Deals - bevorzugt mit Unternehmen aus der Software-, Biotech- oder Telekom-Branche.

Die Ansprüche der Investoren an ihre Zöglinge sind aber extrem gestiegen. Vorausgesetzt werden ausgefeilte Business-Pläne; auf die "Due Diligence", bei der das Unternehmenskonzept noch einmal auf Mark und Bein getestet wird, wird viel mehr Zeit als bisher verwendet.

Dieser Wandel im Denken - weg von der Quantität hin zur Qualität - betrachten Branchenexperten durchaus mit Wohlwollen, sichert dies die Investoren doch besser gegen das schwierige Marktumfeld ab. "Die nächsten Jahre werden eine große Herausforderung für die Venture Capital Industrie sein. Jedoch ist die Kapazität für neue Investitionen vorhanden - die Top-Investoren werden weiterhin aktiv bleiben", blickt Martin Gagen, Präsident und Geschäftsführer von 3i USA, optimistisch in die Zukunft.

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