Branchenexperten erwarten bei dem französischen Mischkonzern weitere Wertberichtigungen in Milliardenhöhe
Vivendi drohen neue Risiken

Kaum hat Sanierer Jean-René Fourtou sein Amt bei Frankreichs angeschlagenem Mischkonzern Vivendi Universal angetreten, droht seine Mission schon zu scheitern. Der Konzern steht wahrscheinlich vor milliardenschweren Wertberichtigungen. Diese lassen einen neuerlichen Rekordverlust befürchten.

abo PARIS. Neue Wertberichtigungen in Milliardenhöhe könnten die verzweifelten Sanierungsbemühungen des neuen Vivendi-Chefs Jean-René Fourtou zunichte machen. Analysten in Paris erwarten, dass er noch im Juli bei der Bekanntgabe der Ergebnisse für das zweite Quartal Sonderabschreibungen von schätzungsweise 7 bis 9 Mrd. Euro ankündigt.

Ein solcher Schritt ist bei der Vivendi Universal S.A. nach US-Bilanzregeln notwendig, wenn der Marktwert von Beteiligungen im zurückliegenden Quartal dauerhaft gesunken ist. Dadurch könnte der französische Mischkonzern einen Verlust ausweisen, der das Minus von 13,6 Mrd. Euro im abgelaufenen Geschäftsjahr noch übertrifft.

Im schlimmsten Fall fürchtet der französische Broker Aurel Leven ein wahres Katastrophenszenario: So könnte der Konzern gezwungen sein, für 2002 einen Verlust von bis zu 35 Mrd. Euro auszuweisen. Die Vivendi-Gruppe hat zurzeit einen Börsenwert von 18,5 Mrd. Euro

Eine Abwertung der Vermögenswerte des französischen Unternehmens hätte noch einen weiteren Effekt: Auch die Schulden würden neu bewertet. Das gilt in der Branche als sicher. Die Rating-Agenturen Moody's und Standard & Poor's hatten die Kreditwürdigkeit von Vivendi unter den "investment grade" gesenkt, also auf das Niveau hochriskanter Titel. Dadurch ist es vielen institutionellen Anlegern nicht mehr möglich, in Schuldtitel von Vivendi zu investieren.

Mit der Herabstufung verteuert sich zudem nicht nur Vivendis Schuldendienst. Es wird zudem schwieriger, neue Kreditlinien auszuhandeln. Mit dem Verkauf größerer Beteiligungen ist allein schon aus technischen Gründen erst in einigen Monaten zu rechnen. Erschwerend kommt bei Vivendi eine Reihe von Zahlungsverpflichtungen hinzu, die in den nächsten Monaten fällig werden.

Zerschlagung droht

"Die Banken haben alles zu verlieren, wenn Vivendi die Zahlungen einstellt, und sie werden das zu verhindern wissen", sagt der Chef des Brokerhauses Richelieu Finance, Gérard Augustin-Normand. Doch sei der Kurs, den Fourtou mit Unterstützung des mächtigen Aufsichtsrats Claude Bébéar und der französischen Regierung eingeschlagen hat, kaum zu halten. Demnach soll der neue Vivendi-Chef das Unternehmen in seiner jetzigen Form erhalten. Augustin-Normand: "Es gibt kaum noch Hoffnung, dass Vivendi Universal der Zerschlagung entkommt."

Allerdings sind die direkten Kreditrisiken der Banken durch ihr Engagement bei Vivendi nicht so schlimm wie vermutet. So liegen die Engagements der BNP Paribas Börsenkreisen zufolge höchstens bei knapp über 1 Mrd. Euro, die der Société Générale deutlich darunter. Angeblich sind sie außerdem größtenteils bereits abgeschrieben.

Daher könnte auch die Unterstützung der Banken für Fourtou und seinen Mentor Bébéar, Frankreichs Versicherungspapst und Doyen der Finanzszene, auch schnell ein Ende haben. Deren Motivation, Vivendi in der jetzigen Form zu retten und damit dem Finanzplatz Paris einen Skandal zu ersparen, gehen für Banker ohnehin in die falsche Richtung. "Vivendi Universal hat nichts mit einem Fall Enron zu tun", sagte Société-Générale-Boss Daniel Bouton am Sonntag. "Die Krise resultiert aus einem Scheitern der Finanzstrategie, vielleicht wegen zu vielen Akquisitionen in zu kurzer Zeit, und aus dem Streit im Aufsichtsrat."

Für eine Analyse der Ursachen sei es jetzt ohnehin zu spät, sagt Richelieu-Chef Augustin-Normand: "Die US-Konzernteile werden an die Amerikaner zurückfallen, Canal Plus an TF 1, Lagardère oder M 6 verkauft." Cegetel könne später der britische Mobilfunkkonzern Vodafone übernehmen. Es bleibt laut Augustin-Norman Vivendi Environnement übrig, "also in etwa die alte Générale des Eaux, allerdings nur in sehr geschwächter Struktur". Und das sei wohl für die französische Politik der wichtigste Vivendi-Teil.

Fourtou kann das gleichgültig sein. Der Vertrag des Sanierers ist ohnehin bis Ende des Jahres befristet.

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