Branchenführer unter Zugzwang
Kommentar: Die Deutsche Bank hat keine Zeit mehr zu verlieren

Wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muss nehmen, was übrig bleibt. In dieser misslichen Lage könnte sich die Deutsche Bank im Wettlauf um die attraktivsten Investmentbanken bald wiederfinden. Schlag auf Schlag wechseln derzeit Perlen der Branche den Besitzer: Zuerst riss sich UBS Paine Webber unter den Nagel, dann sicherte sich der Schweizer Konkurrent Credit Suisse Donaldson, Lufkin & Jenrette. Und nun kommt das expansive US-Institut Chase Manhattan bei der edlen Adresse J.P. Morgan zum Zuge - einem Haus, das auch die Deutsche Bank bereits ins Visier genommen haben soll. Die Reihen der Kaufobjekte lichten sich, langsam, aber sicher werden sie knapp.

Da J.P. Morgan ohnehin kein idealer Kandidat für die Deutsche gewesen wäre, lässt sich der Ausgang dieses Falls wohl verschmerzen. Sorgen muss sich Deutschlands Nummer eins aber machen, weil sie den Zug der Zeit zu verpassen droht: Bei allen drei Aufkäufern der jüngsten Vergangenheit handelt es sich um Banken, die das gleiche Ziel haben wie die Deutsche: sich im lukrativen Investment-Banking dauerhaft in der Weltspitze zu etablieren. Alle Drei haben ihre Chancen darauf durch die jüngsten Deals stark verbessert. Damit hat sich die Welt für Häuser wie die Deutsche schlagartig geändert. Ob sie es zugeben will oder nicht: Sie steht nun unter Zugzwang, will sie den gestärkten Konkurrenten Paroli bieten.

Bis vor wenigen Monaten mag der Vorstand die berechtigte Hoffnung gehegt haben, in aller Ruhe seine Karten ausspielen zu können. Das Blatt schien vorzüglich: die Integration von Bankers Trust geglückt, die Erträge raketengleich hochgeschnellt, die Basis für organisches Wachstum geschaffen, die Augen offen und die Kassen gut gefüllt für günstige Gelegenheiten. Sollte das der Plan gewesen sein, dann hätte sich die Deutsche Bank angesichts des plötzlichen Akquisitionseifers der Konkurrenz gründlich verrechnet.

Besonders misslich: Selbst wenn der Vorstand wollte, aus dem Stand könnte er derzeit im Endspiel um die guten US-Adressen nicht mithalten. Denn der Bank fehlt immer noch das Listing in den USA - Voraussetzung für einen mit eigenen Aktien (teil-)finanzierten Zukauf, wie er angesichts der gehandelten Summen geboten wäre. Als hinderlich bei denkbaren Übernahmeplänen könnte sich zudem ihr nach dem Debakel mit der Dresdner Bank ramponiertes Image als Fusionspartner erweisen.

Trotz der neuen Gefechtslage muss die Deutsche Bank aber nicht in Panik verfallen. Für Verzweiflungskäufe gibt es angesichts der respektablen Basis, die sie sich aufgebaut hat, keinen Anlass. Aber genau analysieren dürfte sie schon, ob sie nicht noch einmal zuschlagen muss - wobei sich attraktive Adressen zur Schließung der vorhandenen Lücke im M & A-Geschäft durchaus auch in Europa finden ließen. Endgültig klar ist nun auch, dass die Deutsche Bank beim US-Listing keine Zeit mehr zu verlieren hat. Die Mannschaft um den neuen Finanzchef Clemens Börsig wird sich anstrengen müssen.

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