Branchenneulinge zahlen Lehrgeld
Kommentar: Die Wagniskapitalgeber müssen wieder Trends setzen

HB DÜSSELDORF. Der jungen deutschen Venture-Capital-Szene hat das Jahr 2000 ein wahres Wechselbad der Gefühle geboten. Anfang des Jahres spülte noch jeder Börsengang am Neuen Markt einen warmen Regen in die Kassen der Wagniskapitalgeber, doch im Herbst kam die eiskalte Dusche: Nach dem Schock über den drastischen Kursverfall der Technologiewerte mieden die Anleger die eben noch gefeierten Internet- Start-ups. Seither verstopfen diese Unternehmen die Beteiligungsportfolios der Wagniskapitalgeber.

Anfangs noch sah es so aus, als sollte der Königsweg Börsengang nur kurzfristig versperrt sein. Doch inzwischen ist wohl allen Investoren klar, dass sie viele Start-ups nie mehr Gewinn bringend auf den Aktienmarkt werfen werden. Der Wert der Sorgenkinder sinkt praktisch monatlich. Da bleiben nur noch Notverkauf zum Schleuderpreis oder Totalabschreibung.

Wie ernst die Lage vieler Wagniskapitalgesellschaften tatsächlich ist, erschließt sich selbst Branchenkennern kaum. Die Fonds, aus denen die Gesellschaften investieren, laufen fünf Jahre oder länger - es bleibt also die Chance, ein zwischenzeitliches Minus am Ende doch noch in eine akzeptable Rendite umzuwandeln. Letztlich erfahren nur die Geldgeber - meist große Institutionen wie Pensionsfonds, Banken und Versicherungen -, wie es wirklich gelaufen ist. Ein Indiz für die Lage der Branche sind allerdings die börsennotierten Wagniskapitalfirmen - ihre Aktienkurse sind meist genauso tief gefallen wie die am Neuen Markt.

Steht der deutsche Wagniskapitalmarkt also vor einer ernsthaften Krise, die das gerade erst wirklich etablierte Instrument Venture-Capital wieder in Frage stellt? Nein, dafür hat sich diese Finanzierungsform für Unternehmen in Deutschland inzwischen zu sehr bewährt. Es ist eine Generation von Gründern herangewachsen, die mit angelsächsischen Methoden der Unternehmensfinanzierung und-führung groß geworden ist.

Trotz der Krise am Neuen Markt ist der Beweis erbracht, dass sich innovative Unternehmer mit Hilfe von Venture-Capital auf dem Markt durchsetzen können. Und schließlich beginnen sich auch die institutionellen Anleger in Deutschland und Kontinentaleuropa in größerem Umfang für Wagniskapital als alternative Anlageform zu Aktien zu interessieren. Kapital für Venture-Fonds ist deshalb derzeit überreichlich auf dem Markt.

Doch das muss nicht so bleiben: Wenn die Venture-Capital-Fonds ihr Versprechen nicht halten können, dass sie höhere Renditen als der Aktienmarkt bringen, wird die Enttäuschung der Investoren groß sein. In den USA gibt es bereits erste Anzeichen, dass sich die Profi-Anleger wieder vom Wagniskapital abwenden.

Wer wird als Gewinner aus der gegenwärtigen Lage hervorgehen? Wie es aussieht, die erfahrenen, international ausgerichteten Venture-Capital-Gesellschaften mit ausgewogenen Portfolios. Dabei ist der Risiko mindernde Mix der Branchen von Biotech über Informationstechnologie bis zu weniger beachteten High-Tech-Nischen wie Nanotechnologie ebenso Erfolg versprechend wie eine Kombination aus Investitionen in Start-ups und etablierte Unternehmen. Bei einem derart breit gefächerten Portfolio sind solche Gesellschaften aber oft auf dem Weg zu reinen Finanzinvestoren.

Das Alternativmodell dazu ist der hoch spezialisierte "Company Builder" nach Silicon-Valley- Muster, der mit Branchenkenntnis und erstklassigen Kontakten aus guten Ideen einige wenige Top-Unternehmen aufbaut und dank des frühen Einstiegs mit hohen Anteilen am Ende eine außerordentlich hohe Rendite macht.

Der anstehenden Marktbereinigung werden viele der Hundertschaften von neuen Venture-Capital-Gesellschaften zum Opfer fallen, die weder das eine noch das andere bieten: weder ein breit gefächertes Portfolio noch die Fähigkeit, für einige wenige Unternehmen mit intensiver Betreuung echten Mehrwert zu schaffen. Schwer tun werden sich auch die vom Börsenboom angelockten Branchenfremden - Ex-Berater und-Versicherungsvertreter, die ohne jede Venture-Capital-Erfahrung munter drauflos investiert haben - und die Ortsfremden, vor allem amerikanische Fonds, die mit Milliardensummen im Rücken mal eben den europäischen Markt aufrollen wollten.

Was also sollte die Branche aus dem Debakel mit den Internet-Investments lernen? Vor allem muss sie sich wieder auf ihren eigentlichen Ansatz besinnen. Wagniskapitalgeber müssen ihrem Namen gerecht werden und in risiko- aber auch chancenreiche neue Technologien investieren. Sie müssen sich mit Branchen- und Menschenkenntnis auf die Suche nach den Erfolgsunternehmen von morgen machen. Der siebte Online-Händler für Tierfutter ist keine Innovation. Die Wagniskapitalisten müssen endlich wieder ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden.

Wagniskapital ist auf dem Markt überreichlich vorhanden.

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