Brasilianer sind für ihn Retter des Turniers
Für Franz ist immer WM

Heute hier, morgen dort. Heute dieses, morgen jenes. Franz Beckenbauer ist ein Phänomen unserer Zeit, der als Alleskönner gepriesen wird. Vor allem aber ist er ein Allessager, der auch mal schnell seine Meinung ändert.

SEOUL. Gelassen und weise kommt er daher. Wie ein Großvater, der seinen Enkeln von früher erzählt. Ach ja, damals. Kann man ja gar nicht mehr mit heute vergleichen, die Zeiten haben sich halt geändert. Alles schon mal gehört und trotzdem spannend. Franz Beckenbauer sitzt in einer Hotellobby und plaudert nach einem schnellen Telefonat ("Einen Moment noch") über den Fußball in Vergangenheit und Gegenwart. Stimuliert von einem Espresso, für den immer Zeit ist, denkt er über Rudi Völler, die Nationalmannschaft und die Weltmeisterschaft nach.

"Ich habe dem Rudi seinerzeit ganz klar gesagt: Mach das! Für einen jungen Menschen ist das die schönste Aufgabe, die man sich vorstellen kann", erinnert sich Beckenbauer im Gespräch mit dem Handelsblatt an die Inthronisierung des Teamchefs Völler. Der steht bei seiner ersten WM-Teilnahme als verantwortlicher Trainer am Sonntag prompt im Endspiel. Genauso wie der "Kaiser" 1986. Der Job sei zwar höchst attraktiv, so Beckenbauer, allerdings mit einer Einschränkung: "Die WM ist eine einzige Katastrophe. Während dieser Zeit ist keiner mehr normal. Der Trainer nicht, die Spieler nicht und auch die Journalisten nicht."

Manche von denen, die in der Fußballszene bevorzugt von "der Franz" sprechen, meinen, dass dieser Ausnahmezustand bei ihm bis heute angehalten hat, für ihn wäre quasi immer WM. Weil Beckenbauer auch in der Öffentlichkeit bisweilen ungefiltert Dinge zum Besten gibt, die andere höchstens am Stammtisch von sich geben. Jüngstes Beispiel war sein Kommentar zum missratenen, aber gewonnenen Viertelfinale gegen die USA: "Alle außer Kahn in einen Sack stecken und draufhauen", hatte er im Studio seines Vertragspartners Premiere gesagt. Gut gebrüllt, Franz.

Nur dem Kahn darf nix passieren

Obwohl - war ja gar nicht so gemeint. "Wollte nur zum Ausdruck bringen, dass die Spieler eigentlich alle gleich sind. Irgendwann hat der Rudi gemerkt, dass es völlig wurscht ist, wen er aufstellt. Mal den Kehl, mal den Bode, mal den Baumann. Egal." Alle agierten auf einem ähnlichen, einem guten Niveau. "Nur dem Torwart, dem darf nix passieren." Genau diese Gleichheit sei vielleicht sogar das Geheimnis des Erfolges, und von Kritik könne bei seinem Spruch schon gar keine Rede sein. "Das ist Fußballsprache, da sagt man das halt so." Besonders der Franz. Die Nationalspieler und auch alle anderen haben sich damit abgefunden, dass des Müncheners Äußerungen mit anderen Maßstäben gemessen werden. Man kenne den Franz ja. Lasst ihn doch, so ist er eben. Ob Respekt oder Gleichgültigkeit mögliche verbale Konter verhindert, man weiß es nicht genau. Der 56-Jährige darf alles, sagt alles und weiß alles.

Beste Voraussetzungen also für die Fifa-Präsidentschaft, die ihm immer wieder ans Herz gelegt wird. In vier Jahren, als Nachfolger des Schweizers Joseph Blatter. "Interessiert mich nicht", entgegnet Beckenbauer. "Diese sportpolitische Schiene: Nein, ich glaube, die wäre nicht mein Lebenselixier." Andererseits sei der Weltverband "sehr zerstritten, die einzelnen Kontinente müssen wieder zusammengeführt werden". Dabei könne er möglicherweise helfen: "Ich kenne die ja alle."

Auch die Jungs von der Bild-Zeitung kennt er bestens. Ihnen erzählt er regelmäßig ein paar Takte, Belanglosigkeiten ebenso wie wichtige Infos. Was dann später gedruckt wird, ist für ihn nicht weiter von Belang. Noch ist er aus jeder Geschichte eher gestärkt hervorgegangen. Selbst die Aufregung um die Zeugung eines unehelichen kleinen Kaisers war einst nur von kurzer Dauer. Nach ein paar Drohungen gegen den "Mannheimer Morgen", der damals das Geheimnis angedeutet hatte, ging der Ex-Libero in die Offensive und verhinderte damit eine drohende Abseitsstellung.

Keine Angst vor spielerischer Armut bei der Heimat-WM

So oder ähnlich war es oft im Leben des Franz Beckenbauer. Weltmeister als Spieler, als Trainer, dann verantwortlich für die erfolgreiche Bewerbung um die WM 2006. Auch deswegen war er jetzt in Japan und Südkorea. "Alles war super. Es gibt keinen Punkt, den man besser machen könnte", lobt er die Ausrichter. Man werde sich dennoch "eher an den Franzosen und der WM 1998 orientieren". Von der Logistik her passe das besser, und "die Höflichkeit der Asiaten können wir sowieso nicht lernen, die ist angeboren".

Die Sorge, dass die Nationalelf bei der kommenden WM in deutschen Landen infolge spielerischer Armut zum Lustkiller werden könnte, hat der Franz nicht: "Bis dahin hat es sich ausgezahlt, dass jeder Bundesligist ein Internat betreiben muss. Die ersten Talente kommen jetzt, das wird schon besser."

Die aktuellen Defizite, deren ungeachtet man ins Finale eingezogen ist, "lassen wir mal als Ausnahme gelten". Ein anderes Klima, eine andere Atmosphäre und so. "Wissen Sie, in Sapporo beim Spiel gegen Saudi-Arabien waren auf den Rängen vielleicht 800 Deutsche und 30 Saudis. Der Rest waren Japaner, die sich das Geschehen ganz gemütlich und ohne Regung angeschaut haben." In vier Jahren sei die Situation eine andere: "Wissen Sie, wir sind 1974 gnadenlos ausgepfiffen worden, als wir gegen Chile, Australien und vor allem gegen die DDR schlecht gespielt haben. Der Unmut des Publikums im eigenen Land wächst schnell."

Stars sieht der Kaiser in der DFB-Elf kaum

Franz weiß das. Er war schon überall, ist überall, wird von jedem erkannt. Ein älterer asiatischer Herr kommt an den Tisch und wünscht auf Deutsch alles Gute. Der Pressesprecher von Bayer Leverkusen taucht auch auf, schüttelt dem Kaiser die Hand und freut sich sichtlich. Zwischendurch läuft Fedor Radmann vorbei, Beckenbauers rechte Hand beim Thema WM 2006. Er lächelt nur milde und scheint sagen zu wollen: Na bittschön, hat doch noch geklappt mit dem Interview-Termin.

Warum es mit Rudi Völler und der Nationalmannschaft klappt, ist für den Franz klar: "Seine Glaubwürdigkeit macht ihn stark. Die Spieler wissen, dass alles stimmt, was er sagt. Er hat alles erlebt, keiner kann ihm etwas vormachen. Das ist schon ein Vorteil, war bei mir damals auch so." Damals, 1986, war es auch so, dass ihm die überragenden Könner im Team fehlten. "Wir hatten eine gute, aber keine überragende Mannschaft. Wie heute."

Sicher könne Deutschland am Sonntag Weltmeister werden, glaubt Beckenbauer. Stars vermag er in der aktuellen DFB-Auswahl dennoch kaum zu erkennen. "Keiner, außer Kahn. Und Klose, wenn er noch Torschützenkönig wird." Dabei wäre es diesmal so einfach gewesen, "die großen Namen waren ja fast alle früh raus". Überhaupt hat Beckenbauer das Niveau der Weltmeisterschaft nicht gefallen: "Die WM 1998 war besser. Das Turnier in Asien lebte von Überraschungen, was für manche schön, für andere aber bestenfalls lachhaft ist."

Gegen Südkorea - das war kein echtes WM-Halbfinale

Deutschland gegen Südkorea, so Beckenbauer, sei kein echtes WM-Halbfinale. "Das lasse ich mir höchstens im Achtelfinale gefallen. Nichts gegen die Koreaner, aber sie werden sich nicht dauerhaft in der höchsten Kategorie des Fußballs etablieren." Und da die deutsche Elf eben auch nicht zu den attraktivsten zähle, seien es letztlich die Brasilianer gewesen, die die Veranstaltung gerettet hätten. "Stellen Sie sich vor, die wären auch noch ausgeschieden. Wäre tödlich gewesen, das Ganze hätte hier keinen mehr interessiert."

Wieso es überhaupt zum Aufstand der Kleinen kommen konnte, ist auch ihm ein Rätsel. Er nippt gelassen am Espresso, lacht weise und sagt wie ein gütiger Großvater: "Das weiß kein Mensch." Nicht mal der Franz.

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