Brasilianische Unternehmerkarrieren verlaufen fast nie wie in Europa
Extrem flexible Gründer

Nirgends gibt es so viele Existenzgründer wie in Brasilien. Doch selbstständig machen sich die meisten aus Not. Start-Ups von Akademikern sind die Ausnahme.

DÜSSELDORF. Eher aus Zufall ist Jaguaracy Souza San Just Unternehmer geworden: Ein Bekannter fragte den arbeitslosen Elitesoldaten, ob er nicht Holzinstallationen für Supermärkte liefern könne. Der bisherige Zulieferer würde nämlich seine Monopolstellung ausnutzen. San Just rodete auf seiner kleinen Farm gerade Urwaldboden, um die gefällten Stämme zu verkaufen. Sich selbstständig machen? "Kein Problem", entschied der 33-Jährige und sagte sofort zu.

Dass er nun Kapital brauchte, um zusätzliches Holz für die Einrichtungen zu kaufen, war für ihn kein Hindernis: Das Geld für den Holzkauf besorgte er über drei Kreditkarten mit unterschiedlichen Fälligkeitsraten. Dadurch ließen sich zinslos Zahlungen auf bis zu 40 Tage hinausschieben.

Die Arbeitskräfte seiner Minifirma bekam er ebenfalls schnell zusammen: Ein knappes Dutzend ungelernter Hilfskräfte und zwei "Schreiner" mit rudimentären Kenntnissen der Holzverarbeitung engagierte San Just über seine weit verzweigte Familie und in der Nachbarschaft.

Dass San Just eigentlich mal Berufssoldat war, stört ihn nicht. Im Gegenteil. Seine Vergangenheit beim Militär ist ihm heute noch nützlich - auch sechs Jahre nachdem er sein Betrieb zu einer etablierten Schreinerei in der Dreimillionen-Metropole Salvador im Nordosten Brasiliens ausgebaut hat: Obwohl in der Nachbarschaft regelmäßig eingebrochen wird, und sich nachts wenige in das Viertel trauen, ist seine Werkstattfabrik bis heute verschont geblieben - mit einem Militär legt man sich nicht an.

Brasilianische Unternehmerkarrieren verlaufen fast nie wie in Europa: Eher in atemberaubenden Zick-ZackKursen. Das hängt mit der Persönlichkeit der Brasilianer zusammen. Brasilianer sind extrem flexibel oder wurden es zwangsläufig. Das liegt an der jahrzehntelangen hohen Inflation, den wechselnden Währungen und den ständig neuen Wirtschaftsreformen. Wer sich da nicht blitzschnell auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen kann, ist in Kürze ruiniert.

Das heißt auch: Wer eine Chance sieht, greift sofort zu. Auf allen Ebenen. Es gibt den Informatiker, der einen Schultransport betreibt, den Maurer, der an der Bushaltestelle Würstchen grillt und Schnaps ausschenkt und den Unternehmererben aus der Stahldynastie, der eine Szene-Bar aufmacht.

Auch Gesetze behindern die Gründungen nicht. "Es gibt wenig Länder, in denen Tellerwäscher-zum-MillionärKarrieren so gut möglich sind wie in Brasilien", sagt Ingo Weiland, Partner bei Roland Berger in São Paulo, "in Brasilien können sie schneller Ideen entwickeln und umsetzen. Hier werden keine Grenzen gesetzt."

Die unternehmerische Freiheit hat Erfolg. Brasiliens Wirtschaft hat "weltweit eine der höchsten Raten von Unternehmern im Verhältnis zur Einwohnerzahl", stellt der angesehene Global Entrepreneurship Monitor (GEM) nach einer Untersuchung von 21 Ländern fest. Jeder achte Brasilianer ist Unternehmer, in den USA nur jeder zehnte, in Deutschland ist es sogar nur jeder zwölfte.

Doch ungeachtet der emsigen Aktivität hat Brasilien wirtschaftlich nicht davon profitieren können. Trotz der 20 Millionen Unternehmer (bei 165 Millionen Einwohnern) ist das Land weltweit kaum bekannt für seine Exportprodukte - abgesehen von Kaffee oder Fußballern. Der Grund ist einfach: Unternehmer ist eben nicht gleich Unternehmer. In Brasilien beginnen Selbstständigen-Karrieren oft aus Not. Arbeitslose werden zu Unternehmern, weil sie ohne Job keine Unterstützung erhalten. Drei Viertel der brasilianischen Unternehmer arbeiten im informellen Sektor. Das fehlende soziale Netz erklärt auch den weltweit führenden Frauenanteil in Brasiliens Unternehmerschaft: Auf zwei Unternehmer kommt eine Selbstständige, die ihre Familie ernährt. In Frankreich gibt es gerade mal eine Unternehmerin neben zwölf männlichen Kollegen.

Ein weiterer Grund für das fehlende qualitative Wachstum der Unternehmen: Brasiliens Existenzgründer arbeiten unter extrem schweren Bedingungen. Sie bekommen keine Kredite von Banken. Bei Zinsen von 40 Prozent im Jahr selbst für Großunternehmen verbietet sich dieser Finanzierungsweg von selbst.

"Eigentlich bekommt nur derjenige einen Kredit, der ihn nicht braucht", sagt Hari Hartmann, ehemaliger Mineningenieur, der eines der führenden Textilunternehmen in Brasiliens Nordosten aufgezogen hat. Außerdem sei das Antragsverfahren für einen Kredit extrem kompliziert und langwierig - man mache das nur, weil es einfach keine anderen Mittel gibt.

Die Risikokapitalgeber, die in Europa vielen Startups auf die Beine geholfen haben, sind in Brasilien rar. Der Grund: "Der Finanzmarkt ist bei den Hochzinsen sehr profitabel", sagt Rolf Petermann, Anwalt und Unternehmensberater aus São Paulo, "wer über Kapital verfügt, kassiert lieber Zinsen, als es in ein Unternehmen zu stecken."

Sich auf staatliche Förderung bei der Gründung zu verlassen, ist in Brasilien gefährlich. Zwar gibt es Steuerreduzierungen, kostenlose Industriegelände oder vereinfachte bürokratische Regeln, doch sie sind unzuverlässig: "Wenn ein Bürgermeister wechselt, dann kann es vorkommen, dass er Subventionen seines Vorgängers wieder abschafft", beobachtet Rechtsanwalt Petermann.

Die komplizierte Bürokratie, die verbreitete Korruption, die schwer berechenbare Justiz sowie die schlechte Ausbildung der Brasilianer sind weitere Stolpersteine für einen Qualitätssprung der Unternehmen.

Außerdem leidet das Land daran, dass im Vergleich zu den Industrieländern wenig Akademiker auf ihren Spezialgebieten Existenzen gründen. "Spitzenkräfte wollen Jobs bei Multis, Banken oder beim Staat", beobachtet Weiland, "und Angestellte zeigen sich oft erstaunlich unfähig zu Existenzgründungen."

Außerdem haben Akademiker wie Politiker wenig Verständnis für unternehmerisches Denken: Schwache Verbindungen zwischen Universität und Wirtschaft, rückständige Arbeitsgesetze und ein wirtschaftsfeindliches Steuersystem sind die Folge.

Die extremen Einkommensgegensätze und der fehlende Mittelstand tun ein Übriges, dass Brasiliens Existenzgründer selten über die Landesgrenzen hinaus Erfolg haben.

Sogar die ständige Flexibilität kann ein Nachteil sein: Wenige Brasilianer sind gewohnt, strategisch zu planen oder langfristig zu denken. "Die fehlende Planung war unser größtes Problem", sagt der Textilunternehmer Hartmann. Die mittelfristige Planung reicht selten über ein Jahr hinaus. Wieso auch, denn morgen kann sich ja alles ändern. Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach - denken brasilianische Unternehmer und stehen sich damit selbst im Weg.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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