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Brasilianischer Bettenmangel

In Brasilien werden Hotels gebaut wie schon lange nicht mehr. Der Hotelnotstand nach der Krise der neunziger Jahre, der sei behoben - meldet der Hotelverband. Das mag stimmen für Rio de Janeiro, Brasília und Sao Paulo.

In Brasilien werden Hotels gebaut wie schon lange nicht mehr. Der Hotelnotstand nach der Krise der neunziger Jahre, der sei behoben - meldet der Hotelverband. Das mag stimmen für Rio de Janeiro, Brasília und Sao Paulo. Für die anderen mehr als Dutzend Millionenstädte Brasiliens trifft das nicht zu. Eine Großkonferenz, ein Präsidentengipfel und schon ist alles belegt. Die kommunalen Zimmervermittlungen bieten dann etwas verschämt die populären Stundenhotels zur Übernachtung an. Lustig wird das - so etwa beim Sozialgipfel in Porto Alegre. Das kreisrunde Bett, die Spiegel über, hinter, vor und neben dem Bett, der Fernseher mit dem breiten Angebot an Pornos, aber ohne Nachrichten oder selbst Novelas - das alles war noch irgendwie spaßig. Das Problem war das nur intern nutzbare Telefonnetz. Damit konnte man den Küchendienst anrufen und den Portier, damit er ein Taxi bestellte. Internetanschluss ? - "hat noch nie jemand verlangt", sagte das g elangweilte Zimmermädchen. Ich durfte mein Laptop vorbei tragen an den mit frischer Wäsche, Mülltüten und Kehrbesen wartenden Putzfrauen im Zwischengang, an riesigen Wasch- und Trockenmaschinen voll mit Bettwäsche und Handtüchern, direkt ins Zimmer der Sekretärin, die auf ihrer Terrasse vor dem Büro nebenbei noch Hühner züchtete, "wegen der leckeren Eier".

Lustig wurde es früh morgens am Wochenende. Aus den "normal" benutzten Zimmern stöhnten, lachten, schnarchten oder schrien die brasilianischen Gäste nach Herzenslust. Aus irgend einem Grund waren im Motel viele Inder und Afrikaner von der Konferenz abgestiegen. Die Inder reinigten sich morgens lautstark ihre Kehlen während der Unterhaltung über den Gang hinweg und bestellten in fließendem Englisch bei den Zimmermädchen, Tee, tea with milk, please. Blöd nur, dass es in Brasilien kaum schwarzen Tee gibt und wenn, ihn niemand mit Milch trinkt und außerdem kaum jemand Englisch spricht. Die Laune der ohnehin eher muffigen Inder wurde zunehmend schlechter. Aus irgendeinem Grund funktionierten die Handys nur nahe am Motel-Ausgang. So sammelte sich frühmorgens am Tor eine verschlafene Gruppe von Konferenzteilnehmern gekleidet in afrikanischen Nachtgewändern, indischen Beintüchern, australischen Surfershorts und deutschen Freinrib - von den brasil ianischen Gästen ungläubig bestaunt, wenn die entspannt und übermüdet in ihren Autos das Motel verließen.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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