Bremen berauscht sich am Titel – die 2:6-Niederlage gegen Leverkusen war schon beim Abpfiff vergessen
Meisterlich nur neben dem Rasen

Es bedurfte schon eines stillen Momentes, damit einer die unwirkliche Werder-Welt treffend beschrieb. Werders Torwarttrainer Dieter Burdenski sagte im turbulenten Treiben des überfüllten Bremer Rathauses "das hat es noch nie gegeben, und das wird es auch nie wieder geben."

BREMEN. Bremen berauscht sich in nie da gewesener Begeisterung am vierten nationalen Titel. Bürgermeister Henning Scherf hat sich die Werder-Raute auf die Wange gepinselt, die Nachbarn von Trainer Thomas Schaaf haben in dessen Wohnort Stuhr-Brinkum Häuser und Laternen grün-weiß dekoriert, in dessen Garten einen Mast eingebuddelt und eine Fahne gehisst und die Kleiberstraße in "Thomas-SchaafStraße" umbenannt.

100 000 Fans jubelten den Bremern gestern zu, als sie im Autokorso durch die Stadt fuhren. "Das ist das Größte, was Werder bisher geleistet und erlebt hat", sagte Präsident Klaus-Dieter Fischer im Rathaussaal, während auf dem Balkon Ailton zu dem auf "Der Deutsche Meister kommt vom Weserstrand" umgetauften Song der Blödelbarden Klaus & Klaus schunkelte.

Am Samstagnachmittag wurde selbst das 2:6-Debakel gegen Bayer Leverkusen mit dem Abpfiff zur Randnotiz. Alles wartete nur auf dem Moment, als Werder-Kapitän Frank Baumann aus den Händen von DFB-Teamchef Rudi Völler im grün-weißen Konfettiregen die Meisterschale entgegen nahm.

Niemand nimmt es den Spielern übel, dass sie auf dem Platz von Leverkusen gedemütigt worden waren. "Wir haben gespielt wie eine C-Jugend", befand Kapitän Frank Baumann. Die Profis, die mit grün-weiß-orange gefärbten Haaren aufgelaufenen waren, traten wie eine Freizeit-Truppe auf, die nach einer einwöchigen Mallorca-Tour noch ein Ausnüchterungsspiel absolviert. Geschäftsführer Klaus Allofs fand das Ergebnis im Hinblick auf das DFB-Pokalfinale gegen Aachen am 29. Mai als "heilsam".

"Wir haben die ganze Woche viel gefeiert und wenig geschlafen", gestand der fehlerhafte Abwehrspieler Ismael. "Ich stehe jeden Morgen auf und gratuliere mir selbst", sagte der müde Mittelfeldmann Fabian Ernst. Leverkusens Trainer Klaus Augenthaler hatte Verständnis für den Gegner. "Wenn man als Meister spielt, fehlt die letzte Konzentration. Dass ist mir als Spieler bei Bayern oft genug passiert." Sein Team nutzte Bremens sinnfreies Wirken auf dem Rasen: Leverkusen hat plötzlich die Chance, noch Zweiter zu werden und sich direkt für die Champions League zu qualifizieren.

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