Breuer sieht gesamte deutsche Kreditwirtschaft unter massivem Konsolidierungsdruck
„Zahl der Bank-Filialen wird halbiert“

Als Lösungsansätze schlägt er die Flexibilisierung des Drei-Säulen-Systems, die Zusammenarbeit im Back-Office und eine Kreditfabrik für den Mittelstand vor.

FRANKFURT/M. Nach Einschätzung von Rolf-E. Breuer befindet sich die deutsche Kreditwirtschaft in einer gefährlichen Zangenbewegung. Einerseits müssten die Banken mit der sich ständig verschlechternden Bonität der Kunden fertig werden. Andererseits gebe es nach zwei Jahren Konjunktur- und Börsenflaute keine stillen Reserven mehr. "Für die steigenden Wertberichtigungen aus dem Kreditportfolio stehen nicht mehr ausreichende Ertragspuffer zur Verfügung," sagte der Präsident des Bundesverbands deutscher Banken (BdB) dem Handelsblatt.

Entschlossenes Gegensteuern sei aus diesem Grunde das Gebot der Stunde. Breuer forderte, die Kosten weiter zu senken. Binnen fünf Jahren wird nach seiner Einschätzung die Zahl der Bank-Filialen in Deutschland halbiert, um eine ähnliche Produktivität zu erzielen wie in Nachbarländern. Den größten Bedarf sieht er allerdings bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken, weil diese umfangreichere Netze hätten.

Ein zweiter wichtiger Punkt sei, die Zusammenarbeit der Banken im gesamten Back-Office-Bereich zu intensivieren. Dies betreffe etwa das Transaction-Banking, also Zahlungsverkehr, Wertpapierabwicklung und-verwahrung, möglicherweise auch die Kreditkarten: "Man kann ganz schnell eine lange Liste von Bereichen aufstellen, wo sich eine Kooperation rechnen würde. Dort schlummern beträchtliche Synergie- und Einsparpotenziale, die wir endlich in Angriff nehmen sollten." Im Bereich Transaction-Banking hofft Breuer in der ersten Hälfte 2003 auf einen Durchbruch.

Als eine "interessante Idee" bezeichnete Breuer vor diesem Hintergrund die Anregung von KfW-Chef Hans Reich, eine "Kreditfabrik" zu gründen, um dem Mittelstand den Zugang zu Krediten zu erleichtern. Breuer glaubt, dass so ein Modell - also eine bundesweit zentrale Abwicklung des Geschäfts - überall dort Sinn macht, wo es um Fördermaßnahmen geht und wo ein Höchstmaß an Standardisierung erreicht werden kann. Der BdB-Präsident schätzt, dass der Prozentsatz "maßgeschneiderter Kredite", der heute etwa 80 Prozent der Verträge ausmache, durch Rationalisierungsmaßnahmen wie die Kreditfabrik binnen einiger Jahre auf 50 Prozent reduziert werden könnte. Die Amerikaner seien bei der standardisierten Bonitätsbeurteilung bereits viel weiter als die Deutschen. Durch die Standardisierung der Prozesse sollen die Bearbeitungskosten sinken und die Margen steigen. Die Akquisition der Kredite soll nach wie vor bei den Hausbanken liegen. Zur Rolle der staatseigenen KfW meinte Breuer: "Ich könnte mir vorstellen, dass die KfW eine Drehkreuzfunktion übernimmt."

Bis es soweit ist, müssen aber offenbar noch viele Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Vor allem im öffentlich-rechtlichen Bereich soll es nach Handelsblatt-Informationen Vorbehalte gegen eine branchenübergreifende Kreditfabrik geben. Grund der Vorbehalte laut Breuer: "Viele Banken fürchten, den Kontakt zum Kunden zu verlieren. Da gibt es noch eine mentale Barriere. Aber der Diskussionsprozess ist voll im Gange."

Als weiteren entscheidenden Punkt sieht Breuer die Flexibilisierung des Drei-Säulen-Prinzips. Als "hervorragendes Vorbild" zur Reform des deutschen Sparkassensektors bezeichnete er das italienische Modell (siehe Artikel unten). Breuer: "Ich glaube, die Diskussion über die drei Säulen ist nur noch von Urängsten geprägt. Dabei geht es mir nur darum, neue Optionen zu öffnen. Optionen wie Fusionen und Übernahmen, die private Banken kraft Rechtsform haben, Sparkassen und Genossenschaftsbanken aber nicht. Ob es etwa volkswirtschaftlich immer sinnvoll ist, wenn eine schwache Sparkasse mit einer Nachbarin fusioniert - und nicht, was vielleicht sinnvoll wäre, mit der Volksbank vor Ort -, das wage ich zu bezweifeln. In Italien ist ein Zusammenschluss von Sparkassen und Volksbanken ohne weiteres möglich."

Dem Bankenverband, so Breuer, gehe es nicht in erster Linie um das Thema Privatisierungen. Viel wichtiger sei es, notwendige Marktbereinigungen, etwa den Abbau von Überkapazitäten, nicht nur innerhalb einer Säule der Kreditwirtschaft, sondern flexibler zwischen den drei Segmenten aufzufangen. Dies sei eine wichtige Voraussetzung, um den Konsolidierungsprozess voranzubringen. Rückenwind erwartet Breuer von der Brüsseler EU-Kommission, die Sparkassen und Landesbanken auferlegt hat, bis zum Jahr 2005 die staatlichen Garantien abzuschaffen. Breuer: "Das ist ein umfangreicher Katalog von Anforderungen, die der öffentlich-rechtliche Sektor in den nächsten Jahren abarbeiten muss."

Die Rahmenbedingungen - Konjunktur und Kapitalmärkte - werden sich nach Ansicht von Breuer kaum merklich bessern, so dass man bei inneren Reformen des Sektors vorerst nicht auf Hilfe von außen bauen könne. Er erwartet ein "erneut schwieriges Wirtschaftsjahr", trotz der Zinssenkung um möglichst 50 Basispunkte, die er sich nächsten Donnerstag von der Europäischen Zentralbank (EZB) erhofft.

Quelle: Handelsblatt

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