Brief des neuen Chefs an die Mitarbeiter
Bertelsmann geht auf konservativen Kurs

Der neue Chef Gunter Thielen will den Medienkonzern wieder auf das Stammgeschäft konzentrieren. Höchstens 25 Prozent der Firmenanteile werden an die Börse gebracht.

Reuters MÜNCHEN. Durch vertragliche Verpflichtungen zum Kauf des US-Labels Zomba habe Bertelsmann eine selbst festgelegte Verschuldungsgrenze überschritten, erläuterte Thielen in einem Brief an die Mitarbeiter, der Reuters am Mittwoch vorlag. "Diese Verschuldung wollen wir in einer kurzfristigen Phase der Konsolidierung abbauen", hieß es. Bertelsmann werde sich weiter auf den ab 2005 möglichen Börsengang des 25,1-prozentigen Anteils der belgischen Groupe Bruxelles Lambert (GBL) vorbereiten. Die von der Familie Mohn kontrollierten restlichen 75 Prozent würden hingegen nicht an die Börse gebracht.

Der Gütersloher Konzern hatte den völlig überraschenden Ausstieg Middelhoffs am Sonntagabend bekannt gegeben und mit Differenzen über die weitere Konzernstrategie begründet. Mit der Familie Mohn, die Bertelsmann in fünfter Generation führt, hatte es vor allem Differenzen über den aggressiven Expanionskurs in neue Geschäftsfelder und das Volumen einer möglichen Aktienplatzierung gegeben. Der fast 60-jährige Thielen schwenkt nun wieder auf eine konservativere Unternehmenspolitik ein. An den Finanzmärkten wurde sogar ein Rückzug Bertelsmanns aus dem internationalen Geschäft befürchtet.

Stammgeschäft bleibt international ausgerichtet

"Es liegt mir daran, Sie unverzüglich über den unternehmerischen Kurs des Hauses Bertelsmann zu informieren", schrieb Thielen an die Mitarbeiter des Konzerns. Der Vorstand habe die Strategie einvernehmlich verabschiedet. "Dabei legen wir den Schwerpunkt auf den Ausbau unserer Inhalte-Geschäfte, die weiterhin international ausgerichtet sind", hieß es in dem Brief. Das Ziel, mittelfristig eine Umsatzrendite von zehn Prozent zu erreichen, bleibe bestehen. Im ersten Halbjahr sei der Umsatz allerdings rückläufig gewesen. Angesichts der weltweit schwierigen Konjunktur schätze Bertelsmann die weitere Ergebnisentwicklung "sehr vorsichtig" ein. Middelhoff hatte das Halbjahresergebnis auf "rund drei Milliaren Euro" beziffert.

Bertelsmann hatte dem belgischen Großaktionär GBL beim Tausch eigener Anteile gegen die Mehrheit an der Sendergruppe RTL das Recht eingeräumt, das Paket von 25,1 Prozent ab 2005 an die Börse zu bringen. Der Gütersloher Konzern hat aber ein Vorkaufsrecht auf die GBL-Anteile. Um einen Börsengang so zu verhindern, müsste Bertelsmann aber viel Geld in die Hand nehmen - Analysten schätzen den Wert des Pakets auf bis zu vier Milliarden Euro. Thomas Middelhoff hatte sich für einen erweiterten Börsengang stark gemacht. "Ich bin der Auffassung, dass auch, wenn heute das Börsenklima schlecht ist, das Management die Flexibilität haben muss, dieses Unternehmen mittel- und langfristig börsennotiert weiterentwickeln zu können", hatte der 49-jährige seine Strategie gerechtfertigt.

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