Britische Banken sind gerüstet
Gute Arbeit in riskanten Zeiten

Es besteht kein Zweifel, dass die britischen Banken in diesem Jahr vor großen Herausforderungen stehen. Im gleichen Atemzug muss man jedoch sagen, dass die meisten Kreditinstitute der Insel besser auf mögliche Unwägbarkeiten vorbereitet sind als irgendwo anders auf der Welt.

HB DÜSSELDORF. Angeführt von HSBC, der nach der Bilanzsumme zweitgrößten Bank der Welt, lieferten die Institute erst im vergangenen Jahr erneut Zahlen ab, die ihre deutsche Kollegen vor Neid erblassen lassen würden.

In wirtschaftlich unsicheren Zeiten fuhren die Großen Fünf - das sind neben HSBC die Royal Bank of Scotland, Lloyds TSB, Barclays und HBOS - 2002 überaus solide Ergebnisse ein. Im operativen Geschäft (Zins- und Kommissionseinnahmen) legten alle zu, teilweise deutlich zweistellig. Beim Betriebsgewinn mussten Barclays und Lloyds TSB zwar wegen höherer Rückstellungen einen leichten Rückgang hinnehmen. Dennoch lagen auch hier die Resultate zwischen 2,6 Mrd. (Lloyds TSB) und 9 Mrd. Pfund (HSBC). Die Eigenkapitalrendite befand sich ebenfalls im deutlich zweistelligen Bereich. Und von jedem verdienten Pfund fressen die Kosten im Schnitt weniger als zwei Drittel wieder weg (Cost-Income Ratio). Zum Vergleich: Die deutsche Commerzbank musste kürzlich einräumen, dass ihr Aufwand im Schnitt höher liegt als der Ertrag, die Cost-Income-Ratio liegt also über 100 %.

Und auch wenn in den britischen Häusern die Rückstellungen für unsichere Kredite gerade wegen der gestiegenen Risiken (z.B in Lateinamerika) deutlich zulegten: Mit einem Anteil von klar unter einem Prozent am Kreditportfolio scheinen sie durchaus beherrschbar.

Drei Gründe für den Erfolg

Drei Gründe lassen sich für den langen Erfolg der Banken aus dem Königreich ausmachen: Erstens teilen die größten vier Großbanken (ohne HBOS) seit Jahren mehr als drei Viertel des Marktes unter sich auf. Allzu heftige Konkurrenz lässt das nicht erwarten, was sich in den fetten Margen auch widerspiegelt. Zweitens profitierten die Institute von der vergleichsweise guten Konjunktur in Großbritannien und dem Zinskurs der Bank von England. Die Zinsen für ausgeliehenes Geld fallen seit Jahren auf immer neue Tiefstände, gleichzeitig klettern die Hauspreise auf neue Höchstmarken. Im Verbund mit niedrigen Arbeitslosenzahlen führt das zu hoher Ausgabefreude der Konsumenten und damit zu stetigem Wachstum im Kreditgeschäft. Dass Häuser wie Lloyds TSB und HBOS sich (noch stärker als die anderen) auf den nationalen Markt konzentrieren, stellte sich unter diesen Bedingungen für beide als Glücksfall heraus.

Drittens profitieren die Institute von ihrer Selbstbeschränkung bei den Auswüchsen der 90er Jahre. Mit Ausnahme von Barclays hielten sich die Häuser von den prestigeträchtigsten Geschäften des Investment-Banking stets fern. Die Ranglisten beim Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M & A) und im Aktienbereich blieben weitgehend ohne britische Beteiligung.

Zwar mussten die CEOs in guten Zeiten ihren Aktionären schon mal erklären, warum sie freiwillig bei der Aufteilung eines scheinbar riesigen Kuchens zurücktreten. Mit dem Zusammenbruch des Geschäftes Anfang des neuen Jahrhunderts wendete sich jedoch das Blatt: Nun freuen sich die Investoren, dass den Banken hohe Fixkosten, unprofitable Geschäftszweige und die massenhafte Entlassung frustrierter Mitarbeiter erspart bleiben. Ausnahmen bestätigen die Regel: Barclays Capital bleibt nach wie vor mit einem Fuß im Investment-Banking. Die Tochter der viertgrößten Bank fokussierte sich auf das Anleihe-Geschäft. Das lässt zwar auch in der jüngsten Bilanz die Kredit-Rückstellungen der Mutter höher steigen als anderswo, führte aber durch den anhaltenden Boom im Bondgeschäft zu nach wie vor lukrativen Einnahmen in schwierigen Zeiten.

Ausnahme in der Erfolgsgeschichte

Auch die Erfolgsgeschichte britischer Banken freilich hat eine wichtige Ausnahme: Abbey National. Die sechstgrößte Bank des Königreiches sollte angesichts ihrer Spezialisierung auf das Hypothekengeschäft (Nummer zwei auf der Insel) eigentlich boomen. Stattdessen verzeichnete Abbey einen Vorsteuerverlust von fast einer Milliarde Pfund im Jahr 2002. Ein offensichtlich überfordertes - in der Zwischenzeit verändertes - Management hatte sich im Großkundengeschäft verzettelt. Das wird nun abgestoßen. Und das neue Abbey-Management hat sich eine Radikalkur verschrieben, an der die Bank vermutlich noch Jahre laborieren wird. Es steht zu erwarten, dass sich dies auch in den nächsten Jahren auch in verringerten Einnahmen niederschlägt.

Wie lange schreiben die Banken die Erfolgsgeschichte weiter? Wie gesagt, auf alle Institute kommen demnächst wirtschaftlich schwierige Zeiten zu. Banken mit einem ausgeprägten Versicherungsgeschäft wie Lloyds TSB, Abbey National und HBOS haben schon gemerkt, wie der jahrelange Verfall der Aktienkurse das einst lukrative Geschäft verhagelt. Und die Risiken im Jahr 2003 werden nicht geringer: Der Krieg im Irak war zum Glück nur kurz und hat das Vertrauen der Verbraucher vielleicht nur zeitweise geschwächt. Doch auch die Hauspreise dürften irgendwann einmal sinken und die schon seit längerem verstärkte Konkurrenz um Kunden (vor allem von der fünftgrößten Bank HBOS) dürfte die Margen im Kreditgeschäft weiter drücken. All dies lässt erwarten, dass sich die Kreditrückstellungen der Institute kurzfristig wohl nicht verringern. Vermutlich dürften sie noch einmal steigen.

Selbst der Branchenprimus bleibt von Unsicherheit nicht verschont: So steht für HSBC die Integration der im vergangenen Jahr übernommenen Household International an. Zwar hat der zweitgrößte Bankkonzern der Welt oft bewiesen, dass er geräusch- und problemlos integrieren kann. Dennoch gilt das Kreditportfolio der Amerikaner nicht als das Sicherste. Für die größte britische Bank besteht die Herausforderung darin, den Analysten zu zeigen, dass sie auch in riskanten Zeiten gute Arbeit abliefert. Für alle anderen Institute Großbritanniens gilt das in einem schwierigeren Umfeld nicht minder.

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