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Britische Banken spalten sich in zwei Lager

Im Umfeld der schwachen Aktienmärkte gelingt den britischen Banken wie Lloyds TSB derzeit keine Übernahme. Der Grund liegt in der Vergangenheit: Sie haben zu lange gewartet.

LONDON. Peter Ellwood klagte Journalisten sein Leid. Der Vorstand der britischen Großbank Lloyds TSB jammerte, er komme bei seinen Expansionsplänen in Übersee und Europa nicht voran, weil die Aktienmärkte so schwach seien. Zwar seien potenzielle Kandidaten günstig bewertet, gerade in Amerika. Deren Vorstände hielten sich aber zurück, weil sie die für die eigenen Häuser erzielbaren Preise als zu niedrig erachteten.

Nicht nur Ellwood macht diese Erfahrung. Die britischen Banken spalten sich nach dem Terroranschlag vom 11. September in zwei Lager: Wer seine Expansionspläne im Ausland frühzeitig vorangetrieben hat, besitzt momentan gute Chancen auf weitere Akquisitionen. Bei den anderen drohen die Pläne in der Schublade zu bleiben.

"Es ist derzeit schwierig für eine Bank, den ersten Schritt im Ausland zu machen", sagt etwa Mick Trippett, Banken-Analyst bei Bear Stearns. So sei ein internationales Haus wie HSBC eher bereit, eine kleinere Bank zu übernehmen. Wer erst jetzt in den Markt einsteige, benötige den großen Wurf, also ein Zusammengehen mit einem Marktführer. Für diese Art von Akquisitionen habe es jedoch schon einen "besseren Zeitpunkt gegeben", sagt auch Nicholas Watkins von Merrill Lynch. Analyst Trippett schätzt, dass Übernahme-Kandidaten derzeit statt der üblichen Aufschläge von 20 % auf den Aktienkurs ein Premium von bis zu 50 % verlangen können.

Lloyds setzte schon lange zum großen Sprung nach Europa an. Die Erträge aus dem internationalen Bankgeschäft machen derzeit nicht einmal 10 % aus. Die Gruppe hofft vor allem auf das lukrative Geschäft mit vermögenden Privatkunden oder auf den Verkauf von Versicherungen, etwa im Verbund mit einer ausländischen Bank. Nötig wäre eine lukrative Expansion allemal. So schätzt die Ratingagentur Standard & Poor?s, dass dem Vorsteuergewinn der Gruppe von knapp 2 Mrd. £ (rd. 6,26 Mrd. DM) im ersten Halbjahr durch den Terroranschlag Forderungen in Höhe von rund 5,4 Mrd. £ entgegen stehen.

Schwierigkeiten bei der Expansion dürfte auch die britische Großbank Barclays bekommen. Deren Ambitionen auf einen höheren europäischen Marktanteil abseits der Insel - die Erträge aus dem internationalen Geschäft liegen bei 5 % - kochen auf Sparflamme. Zwar hatte Chief Executive Matthew Barret in der Vergangenheit betont, man wolle im Ausland nur "organisch wachsen". Doch den Ehrgeiz auf einen größeren Wurf konnte der Konzern nur mit Mühe verbergen. Noch Anfang September kursierten Gerüchte über einen Zusammenschluss mit der Deutschen Bank. Vor allem wegen des starken Großkundengeschäfts wäre der Schritt ins europäische Ausland sinnvoll, ist derzeit allerdings nur schwer zu realisieren.

Anders stellt sich die Situation bei der Großbankengruppe HSBC International plc dar. Fast drei Viertel des Geschäfts kommt von außerhalb Großbritanniens. Von HSBC erwarten die Analysten künftig internationale Akquisitionen. So glaubt man daran, dass die Expansionspläne in China, USA und Taiwan aufrecht erhalten werden. Der Grund: HSBC könne etwa versuchen, eine Bank in Schwierigkeiten aufzukaufen, um sie in die schwarzen Zahlen zu führen, so Watkins.

Die Royal Bank of Scotland (RBS) wiederum befindet sich in einer Sonderrolle. Das internationale Geschäft steuert nur etwas mehr als 10 % zu den Gesamterträgen bei. RBS ist auf Amerika fokussiert. Dort hat die Bank seit Jahren in die Citizens Finance Group investiert. Dadurch könnte RBS ebenfalls durch einen Zukauf kleinerer Einheiten von der Schwäche der US-Banken profitieren, glauben Analysten.

Trotz der gemischten Aussichten bleiben die Kurse der Banken widerstandsfähig. Nach dem Stoßseufzer Ellwoods legte Lloyds um gut 4 % zu. Der gesamte Sektor schnitt in den vergangenen Wochen mit plus 20 % besser ab als der FTSE (rd. 15 %). Aus einem Grund, sagt Trippett: "An grenzüberschreitende Transaktionen haben auch vor dem 11. September wenige geglaubt."

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