Britische E-Commerce-Strategie ist erfolgreich, aber nicht frei von Widersprüchen
London treibt ehrgeizige Internet-Pläne voran

Lernzentren sollen die Briten reif für die Internet-Wirtschaft machen. Premier Blairs Ziel ist es, Großbritannien zum weltweit führenden Standort für den elektronischen Handel zu entwickeln.

LONDON. Von "New Economy" will Tony Blair nichts wissen. Für den britischen Premier gibt es nur eine Wirtschaft, die allerdings durch den Einsatz der Informationstechnologie revolutioniert wird. Drei Ziele hat sich der Labour-Politiker gesetzt, um den gewaltigen Herausforderungen zu trotzen. So soll Großbritannien, derzeit die viertstärkste Volkswirtschaft der Welt, zum weltweit besten Standort im elektronischen Handel avancieren. Allen Briten soll der Zugang zum Internet ermöglicht werden und sämtliche staatlichen Dienstleistungen sollen spätestens bis zum Jahr 2005 online verfügbar sein.

Mit einem Jahresumsatz im E-Commerce von etwa 3,6 Mrd. $ nimmt Großbritannien derzeit sowohl absolut als auch im Verhältnis zum Sozialprodukt einen Spitzenplatz in Europa ein. Zwar dominiert dabei der Online-Umsatz unter Unternehmen ("Business to Business", B2B), doch das Beispiel der Handelsgruppe Tesco zeigt, wie erfolgreich Unternehmen ihr Online-Geschäft mit Privatkunden gestalten können. Tesco ist der größte britische Einzelhändler, der im vergangenen Geschäftsjahr online einen Umsatz von 237 Mill. Pfund erzielte - mehr als jeder europäische Einzelhändler.

Theoretisch könnten 90 % der Bevölkerung den Online-Bestellservice tesco.com nutzen. Die technischen Voraussetzungen sind derzeit zwar nur bei einem Drittel der Bevölkerung gegeben, doch auch mit diesem Anteil reklamiert Großbritannien einen Spitzenplatz in Europa für sich. Getreu der Devise von Blair, dass "Wissen der Schlüssel zum Erfolg" ist, hat die Regierung ihre Investitionen in internetbezogene Bildungsmaßnahmen verstärkt. Immerhin gaben bei Umfragen 40 % der erwachsenen Bevölkerung an, nicht vertraut im Umgang mit Computern zu sein.

Um hier Abhilfe zu schaffen, will die Regierung bis Ende kommenden Jahres landesweit 6 000 Lernzentren eröffnen; derzeit gibt es bereits 1 200. Computerkurse sollen dabei mit 80 % subventioniert werden. Bildungs- und Beschäftigungsminister David Blunkett sieht das Online-Lehrprogramm auch als Instrument, um der Gefahr einer "digitalen Spaltung" der Gesellschaft zu begegnen. Ob dies gelingt, bleibt abzuwarten. Schließlich ist die Lese-, Schreib- und Rechenschwäche vieler britischer Erwachsener ausgeprägt. Für das Industrie- und Handelsministerium ist das ein Grund dafür, dass die britische Volkswirtschaft in der Produktivitätsentwicklung hinter anderen Ländern zurückliegt.

Steuererklärungen schon heute online

Zählt Großbritannien hier zu den Nachzüglern, setzt die Labour-Regierung in anderen Bereichen Maßstäbe. Nach Auffassung des britischen "E-Botschafters" (e-envoy) Andrew Pinder kann die britische Regierung als führend im E-government angesehen werden. Das "UK Government Gateway"-Projekt werde den Umgang der Bürger mit dem Staat revolutionieren, so Pinder. Bereits jetzt könnten Steuererklärungen online abgegeben werden. Die Internetseite www.e-envoy.gov.uk gibt einen erschöpfenden Überblick über die aktuellen Online-Projekte der Regierung.

Widersprüche tun sich jedoch wo anders auf. Der britische Industrieverband CBI sieht die schleppende Breitband-Verkabelung bereits als Investitionshindernis. Mittels dieser Übertragungstechnologie können große Datenmengen über mehrere Kanäle parallel versendet werden. Das ist gleichzeitig die Voraussetzung beispielsweise für das schnelle Herunterladen von Grafiken. Bei der Breitband-Verkabelung hinkt Großbritannien auch nach einer Untersuchung der OECD hinterher. In der Nutzung dieser Technologie belegt das Land einen wenig schmeichelhaften 23. Platz - von 30 Volkswirtschaften. Das liegt nach Meinung von Freeserve-Chef John Pluthero auch an British Telecom. "In puncto Internet-Zugang werden wir bald ein Dritte-Welt-Land", beklagt Pluthero die schleppende Verkabelung von BT, die ihre Marktstellung ausnutze. Die Regulierungsbehörde Oftel (Office of Telecommunications) habe bislang zu wenig Druck ausgeübt. Für Steve Maine von Kingston Communications sind die ehrgeizigen Pläne der Regierung und die Praxis derzeit nicht in Einklang zu bringen.

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