Britische Finanzaufsicht fordert Zivilcourage von Bankern
Kollegen verpfiffen – Karriere vorbei

Die britische Finanzaufsicht geht in die Offensive: Sie fordert die Geldinstitute auf, ihre Mitarbeiter zu Wachsamkeit von internen Fehlentwicklungen zu schulen. Doch noch immer kann das so genannte "Whistleblowing" für den Einzelnen unangenehme Konsequenzen haben: Nicht selten droht das Ende der Karriere.

LONDON. Der Mut hat sich nicht ausgezahlt: Als der Angestellte Gary Brown vor einigen Jahren ungeklärte Abbuchungen im Namen seines Vorgesetzten von Firmenkonten entdeckte, meldete er die Sache dem Management seines Arbeitgebers Abbey National. Der Vorgesetzte wurde suspendiert und Jahre später wegen Diebstahls von zwei Millionen Pfund gerichtlich verurteilt. Browns Tage bei einer der größten britischen Hypothekenbanken waren dagegen viel früher gezählt: Schon während der Ermittlungen verschlechterte sich die Stimmung. Zwar machte ihm niemand Vorwürfe, aber: "Der Mann war beliebt; ich fühlte mich wie ein schwarzes Schaf", erzählt der heute 35-jährige Brown. Nur Monate nach seiner Entdeckung verließ er Abbey.

Überbringer schlechter Nachrichten sind unbeliebt. Wer seine Kollegen "verpfeift" oder auf Missstände hinweist, hat wenig Freunde und kann seine eigene Karriere zerstören. Dabei kann das Aufdecken großen Nutzen bringen. In Großbritannien macht deshalb die für Finanzdienstleister zuständige Aufsicht FSA Druck. Sie fordert einen Wandel im Bewusstsein. Schon 1999 hatte die Labour-Regierung mit dem "Public Interest Disclosure Act" den Schutz von redewilligen Geheimnisträgern in Firmen verbessert.

Kultur der Offenheit und Ehrlichkeit

Vor einigen Tagen setzte die FSA nun in die Tat um, was das Gesetz fordert. Sie veröffentlichte eine Telefonnummer für Angestellte aus der Finanzindustrie, die auf interne Missstände hinweisen wollen - und wendet sich damit selbst an die Mitwisser. Anfang des Monats trat zudem ein von der FSA formulierter Leitfaden in Kraft, wie Banken und Versicherungen selbst die Mitarbeiter zu mehr Wachsamkeit veranlassen können. Die Einhaltung der Broschüre ist noch freiwillig. Doch schon bei der Vorstellung deutete FSA-Chef Sir Howard Davies an, dass die Banken die hohen Standards besser einhalten sollten: Täten sie das nicht, könne die FSA auch verbindliche Regeln aufstellen. "Wir wollen eine Kultur der Offenheit und Ehrlichkeit", unterstrich nun Carol Seargeant, Managing Director der FSA, erneut diese Forderung.

So genannte "Whistleblower" - der englische Begriff lässt sich mit dem Blasen der Trillerpfeife nur holprig übersetzen - haben auf der Insel einiges bewirkt. So wurde der 400 Millionen Pfund schwere Finanzskandal des Medienzars Robert Maxwell Ende der 80er Jahre erst durch Recherchen eines Mitarbeiters bekannt. Maxwell hatte einen großen Teil der Gelder für Mitarbeiterpensionen in das defizitäre Imperium gesteckt. Der Schwindel flog auf; und als einer der Ersten verlor der Rechercheur seinen Job.

Den Behörden passt dies überhaupt nicht. Eher wollen sie, dass die Mitarbeiter von den Vorgesetzten für ihre Courage belohnt werden. Auch nach Ansicht von Experten hätten einige Finanz-Katastrophen durch Aufmerksamkeit verhindert werden können: "Vielleicht hätte ein früher Verrat des betrügerischen Händlers Nick Leeson Barings einige Hundert Millionen Pfund weniger gekostet", sagt Jerry Fearnley von der Britischen Bankvereinigung (British Bankers Association, BBA). Die BBA sucht ihr Heil in der Offensive: "Wir hätten das Thema schon vor Jahren stärker angehen müssen", heißt es dort zerknirscht und sogleich weist man auf die neue Broschüre mit vielen Fallstudien für Mitglieder hin. Hinter den Kulissen spricht manch einer jedoch von einem "gewissen Regulierungshunger" der Behörde.

Motiv des berühmtesten "Whistleblowers" ist ungeklärt

Denn die neue FSA-Offensive verdeckt die Grauzone des Verrats firmeninterner Fehler. Nicht immer handeln die "Verräter" wirklich im Interesse der Allgemeinheit. So gilt das Motiv des derzeit wohl berühmtesten "Whistleblowers" als ungeklärt. Die Angestellte Sherron Watkins warnte das Top-Management des US-Energieriesen Enron in einer hektischen E-Mail, die Firma drohe in einer Reihe von Bilanzierungsskandalen zu implodieren. Wenig später erfüllte sich zwar die Prognose und beförderte Enron zur größten Unternehmenspleite der Geschichte. Seitdem rätseln aber selbst Enron-Mitarbeiter, was Watkins mit ihrer Mail ursprünglich erreichen wollte. Wollte sie einem befreundeten Kollegen den Job als Chief Financial Officer verschaffen? Oder wollte sie sich vor der Sogwirkung der Enron-Affäre schützen?

Auch die Aussagen interner Mitwisser helfen nicht immer weiter. Die Organisation "Public Concern at Work" (PCAW), die Mitwissern dunkler Geschäfte anwaltlichen Beistand bietet, listet in den 30 Monaten der neuen FSA-Richtlinie fast 925 Untersuchungen auf. Entschieden wurden jedoch nur 150, der Rest verlief eher im Sande. Angaben über den positiven Effekt des Verrats von Firmengeheimnisse gibt es keine. Public Concern at Work macht den Geheimnisträgern selbst trotz aller FSA-Initiativen wenig Mut: "Niemand kann garantieren, dass man nicht gefeuert wird", sagt Deputy Director Anna Myers. Es gab schon Fälle, nach denen "Whistleblower" nicht einmal mehr im gleichen Land einen Job gefunden haben.

Gary Brown hatte Glück: Als das Gerichtsurteil gegen seinen Ex-Vorgesetzten verkündet war, belohnte ihn Abbey National mit einer Prämie in Höhe von 25 000 Pfund, verbunden mit einem neuen Jobangebot. Brown akzeptierte - und trägt heute mehr Verantwortung als sein früherer Chef.

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