Britische Firmen müssen den Wertverlust ihrer Fonds ab 2003 in der Bilanz ausweisen
Pensionsfonds vor dem Abgrund

Sie schichten deshalb zunehmend Gelder in konservative Papiere um und verlagern das Finanzierungsrisiko der Renten auf ihre Arbeitnehmer.

fs LONDON. Für Manager britischer Pensionsfonds markiert das vergangene Quartal den vorläufigen Tiefpunkt eines langen Abstiegs. In den drei Monaten bis September sank der Wert von Aktien und Anleihefonds insgesamt um mehr als 15 %, melden die Marktforscher von Russel/Mellon Caps. So schlecht haben die Fonds seit dem Horrorjahr 1987 nicht mehr abgeschnitten.

Zahlen wie diese lassen nicht nur die Anleger, sondern auch die Finanzchefs börsennotierter Unternehmen in Großbritannien aufstöhnen; denn sie haben ihre Pensionsverpflichtungen mit Wertpapieren gedeckt. Fallende Märkte und veränderte Bilanzierungsstandards verwandeln jetzt britische Pensionsfonds in Zeitbomben.

Aus Amerika kommen in diesen Tagen ähnlich schlechte Nachrichten: Schätzungen der Investment-Bank UBS Warburg stufen die Pensionskassen der S&P 500-Unternehmen zum ersten Mal seit zehn Jahren als unterfinanziert ein. Allein in der Automobilbranche schätzt die Rating-Agentur Fitch die momentane Deckungslücke auf gut 30 Mrd. $ (fast 31 Mrd. Euro). Und Deutschland stimmt ins Konzert der Klagen ein: Kürzlich mussten die nach US-Standards bilanzierenden Großkonzerne Siemens und Daimler-Chrysler bekennen, dass sich die Lücke zwischen Pensions-Verpflichtungen und-vermögen am Jahresende auf fast 10 Mrd. Euro summieren könnte.

Dabei ist Deutschland von dem Wertverlust relativ gering betroffen. Nur 0,7 % der von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geschätzten fast 8,95 Bill. $, die in privaten Pensionsplänen lagern, entfallen auf die Bundesrepublik. Die meisten Mittel liegen in den USA (57 %) und Großbritannien (fast 14 %), wo sie hauptsächlich in Aktien investiert wurden. Dabei haben die Firmen ihren Arbeitnehmern zum Teil großzügige Pensionsversprechungen gegeben, die sie aus den Gewinnen zahlen wollten. "Die Unternehmen haben den Fehler gemacht, weil sie ihre Aktiengewinne in den guten Zeiten nicht abgesichert haben", sagt Graham Bishop, selbstständiger Berater der Investment-Bank Schroder Salomon Smith Barney. "Jetzt zahlen sie dafür einen hohen Preis."

In Großbritannien droht mittlerweile eine Krise. Hier haben die Pensionsfonds ihre Mittel im Schnitt zu fast drei Vierteln in Aktien investiert. Schon im August bezifferte die Beratungsfirma Watson Wyatt die Deckungs-Lücke in den firmeneigenen Pensionsplänen auf 70 Mrd. Pfund (mehr als 110 Mrd. Euro). Vor einigen Tagen sattelte die zur Citigroup gehörende Investment-Bank Schroder Salomon Smith Barney noch einmal drauf: Im schlechtesten Fall könne das Defizit sogar auf bis zu 125 Mrd. Pfund steigen. Um ein solchen Wertverlust auszugleichen, orakelte die Bank, müsste der FTSE-Index auf gut 8 000 Punkte steigen - mehr als 1 100 Punkte über sein bisheriges Allzeithoch.

In Großbritannien bringt der so genannte Financial Reporting Standard 17 (FRS 17) die Firmen zusätzlich unter Druck. Während beim Internationalen Bilanzierungsstandard IAS Firmen Verluste in den Pensionskassen mit späteren Zugewinnen wieder ausgleichen können, müssen die Briten ab Ende 2003 Papiere zum Tageskurs bewerten und damit die (Buch-)Verluste in der Altersvorsorge-Kasse in der Bilanz ausweisen.

Das fördert den Trend zu sichereren Anleihen. Watson Wyatt ermittelten bei ihren Kunden - die rund die Hälfte der FTSE-100-Firmen repräsentieren - dass diese jährlich rund 4 % ihres Pensionsvermögens von Aktien in Anleihen umschichten. "Die Firmen haben das Problem erkannt", sagt auch John Hatherly, Leiter der Globalen Analyse des Fondsmanagers M&G Investments.

Nach dem Vorbild der USA beginnt jetzt in Großbritannien überdies der Wandel von der Zusage einer bestimmten Rente ("Defined Benefit") zu einem bestimmten Zuschuss ("Defined Contribution"). Im ersten Fall liegt das Finanzierungsrisiko voll beim Unternehmen, im zweiten Fall ist das Unternehmen nach seinem Beitrag zum Pensionsfonds aus dem Schneider. "Wenn der Druck steigt, werden die Firmen massiv aus der Vorsorge aussteigen", sagt Hatherly. Nicht so Unilever: Erst vor zwei Tagen kündigte der Lebensmittelkonzern, seinen Arbeitnehmern bis auf weiteres das großzügigere Pensionspaket zu garantieren

. Quelle: Handelsblatt

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