Britische Konservative wählen neuen Parteichef – Eurofrage spaltet die Partei
Die Tories stehen vor einer Zerreißprobe

fmd LONDON. Deutlicher könnte der Unterschied zwischen den beiden Kandidaten um den Tory-Vorsitz nicht sein. Hier der europhile Kenneth Clarke, dort der Euroskeptiker Ian Duncan Smith. Am 12. September wird verkündet, wer sich die meisten Stimmen bei den 320 000 Parteimitgliedern gesichert hat und damit die Nachfolge des zurückgetretenen Parteichefs William Hague antritt.

Ohne Zweifel stehen die britischen Konservativen vor einer Wegscheide. Nach zwei vernichtenden Wahlniederlagen drohen sie endgültig ins politische Abseits zu geraten. Selbst Tory-Politiker sehen bereits die Gefahr, dass die Liberaldemokraten die Tories als zweite politische Kraft nach Labour ablösen könnten.

Mit der Wahl ihres neuen Parteivorsitzenden durch die Mitglieder - nachdem eine Vorauswahl durch die Tory-Abgeordneten des Unterhauses stattgefunden hat - ist die Partei ein großes Wagnis eingegangen. Die konservative Grundeinstellung sowie die Abneigung gegenüber der EU und dem Euro der meisten Tory-Mitglieder spiegelt ohne Zweifel Ian Duncan Smith wider. Der 47-jährige Familienvater ist selbst Briten kaum bekannt. Er verfügt über keine ministerielle Erfahrung, war jedoch von Hague im Falle eines Wahlsiegs als Verteidigungsminister vorgesehen.

Clarke dürfte es an Popularität mit Blair aufnehmen

Stellen sich die Parteimitglieder jedoch die Frage, ob ihr Favorit auch der Favorit der Bevölkerung sein könnte, müssten sie zu dem 61-jährigen ehemaligen Schatzkanzler Clarke tendieren. Und die Chance, dass sie es tun, ist nicht gering. Schließlich macht die Partei gerade die Erfahrung, über zwei Legislaturperioden hinweg von den Pfründen der Macht abgeschnitten zu sein.

Clarke diente bereits unter Thatcher in verschiedenen Ministerfunktionen und gilt als umgänglich, geradeheraus, unverwüstlich und hat nichts dagegen, zigarrerauchend und biertrinkend abgelichtet zu werden. Die regierende Labour-Partei wird inständig hoffen, dass Duncan Smith das Rennen macht. Ein Tory-Chef namens Clarke dürfte es an Popularität bald mit Premier Blair aufnehmen.

Die Lager bei den Tories haben sich bereits formiert. Nach Angaben von Lady Thatcher würde ein Tory-Chef Clarke eine Katastrophe für die Partei bedeuten. Es bestehe die Gefahr einer Parteispaltung. Wenn diese verhindert werde, würde der Zynismus in der Partei Einzug halten. In der ihm eigenen Art hat Clarke gesagt, dass es jedem Mitglied frei stehe, die Partei zu verlassen.

Dagegen hat sich Ex-Premier John Major gestern für Clarke ausgesprochen. Er sei der mit Abstand erfahrenste Politiker, der auch in der Lage sei, die Partei ins Zentrum zurückzuführen und damit für neue Wählerschichten wieder attraktiv zu machen. Überraschenderweise hat sich auch die konservative Tageszeitung "Daily Mail" dieser Meinung angeschlossen. Unter der Überschrift "Zeit den Wahnsinn zu beenden" spricht sich die Zeitung für Clarke aus, der als einziger in der Lage sein, Blair Paroli zu bieten. Die Parteinahme von Lady Margaret Thatcher, der Ikone der Konservativen, wird als kontraproduktiv angesehen. Sie sei damit einfach schlecht beraten gewesen, heißt es. Dass für Clarke die Abstimmung jedoch kein Selbstläufer wird, belegen die jüngsten Vorkommnisse. Danach soll British American Tobacco im Zigarettenschmuggelgeschäft involviert sein. Bei BAT übt Clarke die lukrative Funktion eines Vize-Chairmans aus.

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