Britischer Konzern peilt nach dem Kurs-Schock Fusion an - Designierter Firmenchef John Mayo muss gehen
Marconi wird Übernahmekandidat

Die Krise bei Marconi hat das erste Opfer gefordert. Der designierte Chef John Mayo musste nach heftiger Kritik abtreten - nur wenige Tage bevor der Finanzchef das Ruder bei Marconi übernehmen sollte.

LONDON. Nach dem radikalen Kurssturz an der Londoner Börse kämpft der britische Telekom-Ausrüster nun um das Überleben. Wie der Vorstandsvorsitzende George Simpson am Wochenende bestätigte, ist auch eine Fusion nicht mehr ausgeschlossen. "Marconi ist ein Übernahmekandidat", sagte Simpson mit Blick auf den Marktwert seiner Firma. Dieser war innerhalb von zwei Tagen um mehr als die Hälfte auf unter 3 Mrd. £ (4,8 Mrd. Euro) gefallenen. Als Fusionspartner werden der US-Konzern Cisco sowie die französische Alcatel gesehen. Cisco hatte bereits vor Wochen eine Offerte vorbereitet, dann aber zurückgezogen.

Die Krise bei dem traditionsreichen britischen Unternehmen hat bereits ein Opfer im Management gekostet: Simpsons Stellvertreter und Marconi-Finanzchef John Mayo trat nach heftiger Aktionärskritik zurück. Er hat damit seine Karriere bei dem Konzern kurz vor der Krönung beendet: Mayo sollte in der kommenden Woche auf den Chefsessel von Marconi wechseln.

Simpson erklärte, er wolle vorerst im Amt bleiben. Dennoch wurde am Wochenende erneut seine Ablösung gefordert. Anleger sind verärgert über das Krisenmanagement. Simpson und Mayo hatten seit Wochen den Anschein erweckt, Marconi sei von der weltweiten Krise im Telekom-Sektor nicht wie etwa Nortel, Cisco oder Lucent betroffen. Für Sanjay Jha, Analyst bei Williams de Broe, eine völlige Fehleinschätzung: "Für den momentanen Vorstand dürfte es kaum möglich sein, das Vertrauen wiederherzustellen."

Vergangene Woche hatte Marconi eine Gewinnwarnung ausgeben müssen. Der Umsatz von 6,9 Mrd. £ (11 Mrd.Euro) wird danach im laufenden Jahr um 15 % fallen. Der Betriebsgewinn von zuletzt 807 Mill. £ (1,3 Mrd. Euro) wurde laut der Prognose auf die Hälfte reduziert. Weitere 4000 Arbeitsplätze werden abgebaut, Standorte in England bald geschlossen. Damit streicht der Konzern insgesamt nun 10 000 von weltweit 50 000 Stellen.

Analysten fürchten weitere Hiobsbotschaften. Für UBS Warburg etwa ist die Einschätzung noch zu positiv. "Marconi ist kein bischen anders als jeder der Branche", sagt auch Bernhard Malhame, Analyst von SG Securities. Die Telekom-Ausrüster stecken in der Krise, da die Telefonkonzerne weniger investieren. Ein Grund ist, dass viele durch die UMTS-Lizenzen selbst in finanziellen Schwierigkeiten sind. Zudem habe Marconi sein Geld mit vollen Händen ausgegeben, kritisieren Anleger nun. Übernahmen in den USA im Wert von insgesamt rund 5 Mrd. £ (8 Mrd. Euro) wurden bar finanziert. Ein Händler: "Konnten sie nicht ihre hoch bewertete Aktie (Anfang 2000 noch bei 12,50 £) nutzen, um den Kauf von Fore Systems und Reltec zu bezahlen?"

Der "Marconi-Schock" hat nicht nur die Experten, sondern auch viele britische Kleinanleger hart getroffen. Wie British Telecom galt die Aktie lange Zeit als sicherer Blue-Chip-Wert, da Marconi zu den größten und ältesten Unternehmen in England zählt. Der Konzern entstand aus dem früheren Industrie- und Rüstungskonglomerat General Electric (GE). Unter der Regie von Simpson, der zuvor als Manager von British Aerospace den Autohersteller Rover an den BMW verkauft hatte und dann zu GE gewechselt war, wurde der alte Konzern aufgelöst. Der Rüstungsbereich wurde für 7 Mrd. £ (11,2 Mrd. Euro) an BAE Systems verkauft, aus dem Rest entstand der Telekom Ausrüster Marconi - benannt nach dem italienischen Radio-Pionier Guglielmo Marconi, dessen Firma 1968 von GE gekauft worden war.

Der Umbau des Konzerns galt bislang als Beispiel für den erfolgreichen Wandel eines Konzerns von der Old- zur New Economy. Nun ist dieses Vertrauen verspielt: Fast alle Banken und Ratingagenturen haben den britischen Konzern in den vergangenen Tagen abgewertet. Zuletzt senkte Lehman Brothers das Kursziel um 60 % auf 125 Pence. Der Wert, der nach der Gewinnwarnung allein in 20 Minuten umgerechnet fast 5,1 Mrd. Euro verloren hatte, liegt bereits darunter. Die Aktie startet mit 104,5 Pence in die Woche.

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