Britisches Understatement
Fünf Sterne für die Raubkatze

Einen kritischeren Tester für den neuen Jaguar XJ konnte das Weekend Journal nicht finden. Der Düsseldorfer Hotelier Otto Lindner junior hatte mit der britischen Edelmarke bisher schlechte Erfahrungen gemacht. Ob er sich bekehren lässt?

Ganz schön gediegen: Aber genau so hab ich ihn mir vorgestellt." Otto Lindner junior dreht eine Runde um den Jaguar XJ und freundet sich schnell mit dem klassischen Design der Luxuslimousine an. "Schließlich knüpft man gewisse Erwartungen an ein Auto mit derart langer Tradition."

Das Weekend Journal hat Lindner, den Chef der gleichnamigen Hotelkette, an diesem heißen Augusttag zur Fahrt mit dem neuen Jaguar XJ gebeten. Das Flaggschiff der Briten knüpft optisch an alte Vorbilder an: Elegant streckt sich die Karosserie über fünf Meter neun, Chromgrill und runde Doppelscheinwerfer verleihen das gewohnt katzenhafte Gesicht: Ein alter Bekannter meldet sich mit neuer Technik zurück.

Lindner kennt sich mit Luxus aus: Als Vorstand der Lindner Hotel-Gruppe ist er Herr über 21 Vier- und Fünf-Sterne-Hotels. Das von Lindner senior gegründete Unternehmen befindet sich im Gegensatz zu vielen Konkurrenten in Familienbesitz - und verzeichnete in den vergangenen fünf Jahren ein beeindruckendes Wachstum. Die Zahl der Hotels verdoppelte sich von zehn auf 21: Die Düsseldorfer kauften mehrere Stadt- und Geschäftshotels zu, und in Leverkusen eröffneten sie Europas erstes Stadionhotel mit Logenblick auf den Rasen.

Mit einem Jaguar hat Lindner junior bereits früher Bekanntschaft gemacht. Schlechte allerdings: Für kurze Zeit fuhr er den S-Type, den kleinen Bruder des XJ. Und der hinterließ einen bitteren Nachgeschmack: "Normalerweise mäkle ich ja nicht rum, aber der S-Type ließ mir keine Wahl."

Die Plastikverarbeitung ließ zu wünschen übrig, und das Navigationssystem hat Macken - bis heute: Anders als bei Systemen von Audi, Mercedes oder BMW sträubt sich die britische Raubkatze beharrlich beim Versuch, etwa auf der Autobahn ein neues Fahrtziel einzugeben. Das Touchscreen-Display reagiert nur, wenn das Auto steht. "Ich hab damals wochenlang mit der Hotline von Jaguar telefoniert. Genutzt hat das nichts", ärgert sich der Hotelier.

Besonders unzufrieden war Lindner aber an anderer Stelle: "Der Verbrauch war selbst für eine Limousine extrem hoch: satte 17 Liter. Zuerst dachte ich ja, es sei mein Fahrstil. Als ich dann jede Tankstelle zwischen Düsseldorf und München kannte, wusste ich: Das kann nicht an mir liegen." Außerdem meldete sich irgendwann bei ihm das ökologische Gewissen: "Im tiefsten Innern sind wir doch alle grün."

Umso skeptischer beäugt Lindner junior nun das Interieur des XJ - und lässt sich versöhnen: "Die Verarbeitung ist top, auch das Ambiente stimmt. So stelle ich mir britisches Understatement vor." Die Jaguar-Ingenieure haben gute Arbeit geleistet: Geschmackvolles Leder-Holz- Lenkrad, übersichtliches Armaturenbrett, Mittelkonsole. Originell auch die elektrische Handbremse per Schalter.

Schnell findet sich Lindner zurecht und spielt detailverliebt am Touchscreen herum. "Da kann der Mercedes nicht mithalten." Dann fällt sein Blick auf den Rückspiegel, in den rechts unten ein digitales Fensterchen eingelassen wurde, das die aktuelle Himmelsrichtung anzeigt: "Solche Spielereien mag ich. Obwohl alles übersichtlich ist, entdeckt man immer noch Dinge, die Spaß machen."

Der "Hotelier des Jahres 1999" ist durch und durch Dienstleister, legt Wert auf ein wenig Extra an Service: "Gewisse Features setze ich bei einem Oberklassewagen voraus: Klimaanlage gehört eindeutig dazu." Bei schwülen 32 Grad Außentemperatur schafft die Vier-Zonen-Klimaanlage Linderung.

Vom neuen Dom Residence unweit des Kölner Wahrzeichens geht dann die Fahrt los: Sanft gleitet der vornehme Brite durch den dichten Innenstadtverkehr - und zeigt sich erstaunlich wendig. Als der Jaguar den Rheinufertunnel durchquert, gehen automatisch die Lichter an. "Schönes Detail", findet der Hotel-Chef. Zum Geschwindigkeitstest geht?s auf die A 555 zwischen Köln und Bonn: 295 Pferdestärken wollen ausgefahren werden. Wie zur Beruhigung schiebt Lindner vor: "Die Zeiten, in denen ich mal gerne etwas schneller gefahren bin, sind vorbei."

Doch sobald die Strecke frei ist, scheinen die guten Vorsätze wie weggeblasen. Das Gaspedal ist durchgetreten, die Tachonadel klettert auf 240: "Bis 180 zieht er sehr gut, danach fehlt ein wenig die Durchzugskraft." Dank einer Karosserie aus Aluminium speckte der XJ satte 200 Kilogramm gegenüber dem alten Modell ab - und gewann dadurch an Spritzigkeit, die ihm früher oft abgesprochen wurde.

Auch bei Vollgas liegt der Jaguar ruhig und sicher. Als sich schlagartig beim Vordermann die Stoßstange aus der Verankerung löst, an der Fahrbahn kratzt und Staub und Steinchen aufwirbelt, reagiert Lindner souverän: Nur eine leichte Lenkbewegung und das Hindernis ist umfahren. Zweifellos hat der bekennende Porsche-Fan gerade nicht die erste kritische Situation auf der linken Spur gemeistert. "Gutes Fahrwerk", bemerkt er trocken.

Für Lindners Geschmack ist der Wagen nun ausgetestet, der nächste Termin wartet in der Lobby, Zeit für ein Fazit: "Fünf Sterne. Ein tolles Auto." Zwar fühlt er sich für die Limousine noch zu jung, die gehobene Zielgruppe werde aber ideal angesprochen.

Kurz vorm Dom Residence wird jedoch klar, dass auch einer Luxuskarosse wie dieser Grenzen gesetzt sind: Als die Fahrbahn durch eine Baustelle gesperrt wird, sitzt der Hotel-Chef in der Limousine fest. Nervig piepst die Abstandsanzeige zum nächsten Auto, einzig die Klimaanlage surrt leise und spendet kühlen Trost. Nach 15 Minuten Stillstand tut Lindner das einzig Richtige: Er steigt aus und geht das letzte Stück zu Fuß.

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