Britta Steffen pokert erfolgreich
Ein goldener Moment für die Ewigkeit

Nach 50 Metern war sie Letzte - dann ging die Post ab: Britta Steffen schwamm wie in Trance zum Gold-Ziel ihrer Träume. Die Gefühle der 24 Jahre alten Berlinerin fuhren anschließend Achterbahn, sie brauchte lange, um zu begreifen, was da im Pekinger "Wasserwürfel" abgelaufen war.

HB PEKING. Britta Steffen genoss den großen Moment im Wasser. Ganz in sich gekehrt, in Gedanken weit weg. Die Halle tobte, und sie hatte keine Ahnung. "Ich habe nur gedacht: Das genießt du jetzt, egal, was auf der Anzeigetafel steht." Als sie die "1" sah, wusste sie, dass sie, die zuletzt die größte Zweiflerin an ihrer eigenen Stärke gewesen war, es tatsächlich geschafft hatte: Gold über 100 Meter Freistil - und "alles war schön". "Zwischen Mama, Papa, ich hab's geschafft und ho, ich habe es mir selbst bewiesen, war alles dabei", beschrieb sie das, was ihr dann durch den Kopf ging. Sie umarmte ihre Konkurrentin auf Bahn acht, streckte endlich den Arm zum Zeichen des Sieges in den Himmel. Und kaum dem Becken entstiegen ließ sie von den Gefühlen überwältigt an der Schulter ihrer früheren Schwimmkollegin und ARD-Expertin in Peking, Franziska van Almsick, ihren Freudentränen freien Lauf.

Auf der Tribüne trommelte Michael Vesper mit der Faust auf den Tisch. "Das glaube ich nicht", brüllte der Chef de Mission der deutschen Olympia-Mannschaft immer wieder, "das glaube ich nicht." Aber es war wahr. Britta Steffen hatte Deutschlands Schwimmer 16 Jahre nach Dagmar Hase 1992 in Barcelona in 53,12 Sekunden wieder einen Olympiasieg geschenkt. Cheftrainer Örjan Madsen war begeistert: "Ich ziehe den Hut vor ihr. Sie hat ihr Rennen gemacht, sie hat ihre Stärken ausgespielt und sich durch nichts verrückt machen lassen. Sie ist ein Siegertyp." Schwimmer-Chefin Christa Thiel: "Das war sensationell."

Allein Britta Steffen konnte an diesem denkwürdigen Freitag den Siegeszug der Amerikaner stoppen. Superstar Michael Phelps schwamm über 200 m Lagen in 1:54,23 Minuten im sechsten Finale mit dem sechsten Weltrekord zum sechsten Gold. Ryan Lochte setzte sich über 200 m Rücken mit Weltrekord in 1:53,94 Minuten vor Aaron Piersol durch, Rebecca Soni verwies in 2:20,22 Minuten über 200 m Brust Leisel Jones (Australien) mit Bestzeit auf Platz zwei.

Britta Steffen brauchte lange, um zu begreifen, was da im Pekinger "Wasserwürfel" abgelaufen war. Nach 50 Metern war sie Letzte - dann ging die Post ab: Der australischen Favoritin und Weltrekordlerin Lisbeth Trickett blieb nach einem unwiderstehlichen Spurt von Steffen in 53,16 Sekunden nur Silber. Bronze ging an die Amerikanerin Natalie Coughlin (53,39). "Mein Trainer hat gesagt, ich soll auf den zweiten 50 Metern durchziehen, und das habe ich gemacht. Das ist so geil", sagte die Olympiasiegerin.

Aber auch daheim in Berlin schlugen die gefühlswelten Purzelbäume: Britta Steffens Freund Oliver Wenzel schlug sich vor lauter Aufregung ins Gebüsch, ihre Vereins-Freunde verfolgten das Gold-Rennen von Peking auf Schlauchbooten - und kurzzeitig tauchte sogar die Polizei auf: Um 5.13 Uhr entlud sich am Freitag auch im Berliner Schwimmbad Britz blitzartig die Anspannung. „Einzigartig! Ich freue mich, dass sie ihr Rennen gemacht und sich nicht von den anderen hat ablenken lassen, die so schnell angegangen sind“, sagte Oliver Wenzel, der wie Freundin Britta auch für die SG Neukölln schwimmt. Seit vier Jahren sind sie ein Paar. Der 27-jährige Wenzel war nicht mit nach China gereist, weil er den August für die Beendigung seiner Diplomarbeit in der Sportwissenschaft nutzen will. „Ich habe das Rennen hier gesehen, um dem Verein zu danken. Hier wird das Zwischenmenschliche noch groß geschrieben“, äußerte Wenzel.

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