Brokat
Analyse: Das Schwierigste kommt noch

Reihenweise stuften Bankhäuser im April die Brokat-Aktie nach der Umsatzwarnung herab. Analysten lobten damals zwar die Produkte des Software-Herstellers, rieten aber auch zum Verkauf des Titels. An dieser Einschätzung hat sich nichts geändert. Das Unternehmen befindet sich in der Krise.

DÜSSELDORF. Brokat hat einiges an Lob und Anerkennung erfahren und wird nun Opfer des eigenen Erfolges. So zählte beispielsweise das "Time" Magazin das Unternehmen im vergangenen Jahr zu den 30 besten Technologiefirmen in Europa. Am Neuen Markt erreichte die Aktie am 10. März 2000, als auch der Neue-Markt-Index sein Allzeithoch markierte, mit 195 Euro die höchste Notierung.

Seitdem stürzt der Kurs noch schneller ab, als er zuvor gestiegen ist. Und genau das ist das Problem. Denn die von Brokat so breit angelegte Internationalisierungsstrategie wurde erst durch den hohen Aktienkurs möglich. Die Aktien waren die Währung für die Akquisitionen. Und nun stehen die Beteiligungen mit einem viel zu hohen Wert in den Büchern und müssen abgeschrieben werden. Die daraus entstehenden Verluste sind so gewaltig, dass sogar das Grundkapital angegriffen ist und Brokat gemäß Aktiengesetz die Anleger informieren muss.

Absatzmärkte dürfen nicht geopfert werden

Unter diesem Druck werden jetzt Mitarbeiter entlassen, Auslandsniederlassungen geschlossen bzw. neu organisiert. Doch die Möglichkeiten auf diese Art und Weise Kosten zu sparen sind begrenzt. Der Spezialist für Software, die sichere Finanztransaktionen über das Internet oder das Mobiltelefon ermöglichen soll, kann sich nicht ganz aus dem Ausland zurückziehen, zu wichtig sind die dortigen Absatzmärkte.

Die Analysten sind darum sehr skeptisch, ob das Unternehmen, wie heute erneut bekräftigt, schon im vierten Quartal 2001 die Gewinnschwelle überschreiten kann, auch wenn die Abschreibungen auf die zu hohen Firmenwerte (Goodwill-Abschreibungen) der verschiedenen Beteiligungen herausgerechnet werden ("Ebitdaso" -Berechnung des Gewinns vor Steuern, Zinsen, Abschreibungen und Mitarbeiterbeteiligung).

Marc Osigus von der Berenberg Bank sieht sich in seinem Urteil vom April bestätigt. Damals hatte der Analyst seine Einschätzung von "Halten" auf "Verkaufen" reduziert. "Die Kosten stehen überhaupt nicht mehr in Relation zu den geringen Umsätzen", kritisiert Osigus. Er erwartet für das laufende Geschäftsjahr einen Verlust von 5,90 Euro pro Aktie.

US-Bilanz könnte Desaster offenbaren

Vor dem Hintergrund der Regelungen der US-Amerikanischen Bilanzierungsvorschriften könnte das Schlimmste noch bevorstehen: "Nach US-GAAP sind Unternehmen verpflichtet, eine marktgerechte Bewertung ihrer Beteiligungen vorzunehmen", sagt Osigus im Gespräch mit Handelsblatt.com. Das bedeute, das weitere Sonderabschreibungen erforderlich werden könnten. Zwar gebe es keine akuten Liquiditätsschwierigkeiten, dennoch reichten bei der hohen Cash-Burn-Rate des Unternehmens die Mittel nicht bis in alle Ewigkeit. Wenn das Grundkapital einmal ganz aufgebraucht ist, könnte Brokat in ernsthafte Schwierigkeiten kommen. Spätestens dann müsste Brokat-Chef Stefan Röver sich auf die Suche nach neuen Investoren bzw. Partnern machen oder Beteiligungen abstoßen. Zurzeit hält der US-Chip-Gigant Intel 1 %. Siemens beteiligte sich im vergangenen Jahr mit 3 % oder 72 Mill. Euro, hat aber heute schon angekündigt, diese Beteiligung erneut überdenken zu wollen.

Die Analysten von Merck Finck & Co glauben, dass Brokat durch die angekündigten Restrukturierungsmaßnahmen weniger einsparen wird als vom Unternehmen angekündigt. "Wir erwarten nicht, dass Brokat im vierten Quartal 43.33 Euro pro Mitarbeiter wie angekündigt einsparen kann und halten unsere Verkaufsempfehlung deshalb aufrecht", heißt es in einer am Montag veröffentlichten Studie der Privatbank. Die Analysten gehen davon aus, dass der Aktienkurs unabhängig von der Entwicklung des Nemax fallen wird. Die Aktie reagierte heute erneut mit starken Kursverlusten. Am Nachmittag lag der Tittel mit mehr als 10 % im Minus.

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