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Brot und Spiele

Nüchtern betrachtet, geht es in der New Economy zu, wie im alten Rom. Siegeszug folgte dort auf Siegeszug, die Zukunft glänzte golden, und mit Mut, Geschick und Glück wurde man zum umjubelten Feldherrn. Endlich kann man auch in Deutschland dank Internet binnen Jahresfrist vom Tellerwäscher zum Millionär werden, ganz ohne Diplom und Elite-Uni. Firmengründer mit 25, Aufsichtsrat mit 29, alles kein Problem. Wenn Kreativität, Business-Plan und Venture-Capital stimmen, fehlt nur noch das Kick-Board und los geht es ins wunderbare Start-up Land, in dem alles so anders ist als in der Old Economy. Vor allem, weil Arbeit dort mit Spaß verbunden ist.

Wer hätte gedacht, dass Mitarbeitern der Begriff "stock options" mal so flüssig über die Lippen geht, wie einstmals die "vermögenswirksame Leistung"? Doch schon jetzt zeigt sich, dass viele Angestellte wohl mit zu großer Euphorie an die ganze Sache herangegangen sind. Die seit Wochen anhaltende Achterbahnfahrt am Neuen Markt lässt den Traum vom großen, schnellen Geld wie eine Seifenblase platzen. Führungskräfte, bei denen der Gewinn aus Aktienoptionen ("funny money") ein fester Bestandteil des Gehaltes ist, dürften zurzeit neidvoll auf das "Auslaufmodell" Festgehalt schauen. Besonders spaßig wird ihnen angesichts eines völlig verzerrten Chance-Risiko-Verhältnisses wohl nicht mehr zumute sein.

Gleichzeitig bekommen auch die jungen Gründer mehr Probleme. Als wäre die Situation an der Börse nicht bedenklich genug, liebäugeln Mitarbeiter wieder mit einem sicheren Plätzchen in der alten Wirtschaftswelt. Schon verhandeln die ersten mit den Ex-Arbeitgebern. Und sicher nicht nur wegen der Schieflage an der Börse. Nicht wenige düften mittlerweile festgestellt haben, dass Spaß alleine keinen Ausgleich zum häufig vorhandenen Dauerstress bietet. Bevor den Mitarbeitern aber klar werden kann, dass sie mit Ende Zwanzig genauso vor dem körperlich-geistigen Burn-Out stehen wie damals Papi in der Midlife-Crisis, haben sich viele Start-ups was einfallen lassen: Goodies und Incentives, Brot und Spiele eben.

Ob Saftbar, Tischtennisplatte, Kicker oder Kaltes Buffet, hier sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Alles, was vordergründig dem "Teamspirit" dient, wird gerne ausprobiert. Passend zum Durchschnittsalter der Start-ups scheint es sich aber oft eher um "Teenspirit" zu handeln. Denn anstatt sinnvolle, wirklich entlastende Arbeitszeitmodelle zu entwickeln, und damit den Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, zwecks Entspannung auch mal loslassen zu können, wird die Wagenburg ganz dicht gemacht.

Die Firma schafft Ersatz für Freizeit und Familie, mit Fun versteht sich. Wer fragt da noch, ob es wirklich so toll ist, sich mit den Leuten, mit denen man schon zehn und mehr Stunden verbracht hat, jetzt auch noch in Freizeitaktivitäten zu stürzen? Wer würde sich trauen, bewußt "Nein" zu sagen zu After-Work-Party und Tischtennis-Turnier im Gemeinschaftsraum. Denn genau da liegt der Hund begraben: Die Freiwilligkeit der Teilnahme hält sich in Grenzen. Schön, wenn am Arbeitsplatz für ausgefallene Getränke gesorgt wird, ebenfalls toll, wenn sich der Mitarbeiter keine Sorgen mehr ums Autowaschen, Einkaufen, den Schuster oder die Bügelwäsche machen muss, (dem Best Boy sei Dank!).

Was aber, wenn sich der Mitarbeiter Sorgen um eben diese Dinge machen möchte? Was, wenn er um volle Leistung bringen zu können, ein Leben außerhalb des Start-ups braucht? Ist er dann gleich weniger wert für das Unternehmen? Schränkt das seine Eignung ein? Macht es aus ihm einen weniger guten Mitarbeiter? Klar, die Arbeit in Start-ups ist eine andere, die Bereitschaft zu Überstunden und die Akzeptanz flacher Hierarchien wird vorausgesetzt. Aber muss man darum gleich aus dem Job ein ganzes Lebenskonzept machen?

Viel wichtiger wäre es, an tragfähigen Strukturen zu arbeiten, die Raum für Individualität lassen, die Abstand ohne Vertrauensverlust und damit ganz von selbst die Bereitschaft zur Nähe fördern. Damit würden Start-ups die Basis für eine nachhaltig positive Entwicklung der "neuen Arbeitswelt" schaffen. Einer Arbeitswelt, die nicht nur mit und an den Bedingungen des Marktes wächst, sondern sich gleichzeitig an der Entwicklung der Mitarbeiter orientiert. Denn auch Start-ups müssen erwachsen werden. Das wird vor allem den Unternehmern bewusst werden, die zurzeit das hören, was auch die siegreichen Römer hören mussten: Bedenke, dass Du sterblich bist.

Frank G. Heide
Frank G. Heide
Handelsblatt / Redakteur Auto + Motor
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