Browser für das Surfen über das Kabelnetz entwickelt
Software bringt das Internet in den Fernseher

Das lange angekündigte interaktive Fernsehen soll noch in diesem Herbst in die Wohnzimmer kommen. Die Software für das Abfragen von zusätzlichen Informationen und das Chatten über Fernsehkabel wurde jetzt fertig gestellt. Jetzt müssen die Sender nur noch die entsprechenden Informationsangebote schaffen.

DÜSSELDORF. Die Bertelsmann-Tochter Nionex hat eine Software entwickelt, mit der man das Fernsehgerät zum Internet-Surfen benutzen kann. Herkömmliche Empfangsgeräte sollen ohne Umbaumaßnahmen zu Surfterminals erweitert werden können, die das Fernseherlebnis vertiefen. Dies soll den TV-Sendern die kostengünstige Realisierung ihrer interaktiven Ansprüche bei geringem technischen Entwicklungsaufwand ermöglichen.

Der Browser "Pontegra" nutzt die Computersprache DVB-HTML, die als optionale Komponente zur Multimedia Home Plattform (MHP) gehört. MHP ist der neue internationale Standard für das interaktive Digitalfernsehen. Nach jahrelangem Tauziehen hatten sich ARD, ZDF, Kirch-Gruppe, RTL und die Landesmedienanstalten im September vergangenen Jahres auf die Plattform geeinigt.

Unabhängig vom Hersteller bietet MHP für alle Dienste künftig eine offene Schnittstelle, die die technisch ungehinderte Nutzung aller Zusatzangebote von der elektronischen Programmzeitschrift bis zu Börsenkursen, Nachrichten und Bestellungen im E-Commerce garantieren soll. Und das nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten Europäischen Union. MHP geht auf eine Idee des niederländischen Elektronikkonzerns Philips zurück.

Zusatzinfos per Internet

Die im neuen Browser verwendete Programmiersprache orientiert sich an der Websprache HTML, in der Internetseiten für den PC geschrieben werden. Dabei berücksichtigt sie die Besonderheiten des Fernsehbildschirms als Ausgabegerät und der Fernbedienung als gängigstes Eingabegerät des künftigen Nutzers. Die Software wird auf die Settop-Box des Fernsehers geladen und ermöglicht es dem Zuschauer künftig, während digitaler Fernsehsendungen über Infoseiten der Programmanbieter Zusatzinformationen über das Thema einer Sendung abzufragen. Darüber hinaus erlaubt der Browser auch den Empfang von echten Internetdiensten wie E-Mail. Außerdem seien speziell aufbereitete Seiten im World Wide Web ansteuerbar - sofern sie nicht allzu schnörkelreich gestaltet sind.

Das erste Empfangsgerät mit dem neuen Browser soll frühestens im Herbst auf den Markt kommen. Premiere setzt mit der D-Box weiterhin auf eine eigene Technologie. Die zweite Generation des Geräts ist aber prinzipiell mit MHP kompatibel. Welche Informationen mit dem "Pontegra" konkret empfangen werden können, hängt vor allem von den jeweiligen Programmanbietern ab.

Bei ARD, ZDF und RTL wird laut Nionex-Mitarbeiter Horst Niggemann mit Hochdruck an entsprechenden Inhalten gearbeitet: "Bereits im Herbst sollen erste Angebote online gehen." Diese werden wahrscheinlich aus vorhandenen Infoangeboten wie dem Teletextdienst generiert. Vorstellbar seien auch programmbezogene Erweiterungen wie Clubs und Chats bei laufender Sendung, ergänzt Niggemanns Kollege Dittmar Steiner. Die Entwickler selbst wünschen sich beispielsweise ausführliche Begleitinfos zu Dokumentationssendungen. "Dann klickt man sich zu den Stichwörtern, die gerade zurzeit laufen. Die Infoseiten wären also mit dem aktuellen Fernsehprogramm synchronisiert."

Immer mehr nutzen Computer als Fernsehgerät

Längst gibt es aber eine Alternative zum interaktiven Digitalfernsehen: Statt das Internet in den Fernseher zu bringen, lassen sich bewegte Bilder und Audioelemente leichter auf den PC transportieren. Dies hat für Computerbesitzer mit schnellem Netzzugang den Vorteil, dass keine Investitionen in neue Geräte erforderlich sind. So bietet die in Seattle ansässige RealNetworks Inc. seit kurzem den "RealOne Superpass for Europe" zum Preis von knapp 15 Euro im Monat. Mit einer Player-Software können Abonnenten multimediale Inhalte aller Art abrufen - vom archivierten Musikvideo bis hin zur Sport-Liveberichterstattung. An dem Angebot beteiligt sich auch die britische BBC. Die Mutter aller Hörfunk- und Fernsehanstalten speist ihren Weltdienst "BBC World" in das System ein.

Welche der beiden Lösungen erfolgreicher sein wird, muss sich zeigen. "Das große Geld werden aber in absehbarer Zeit beide Anbieter nicht verdienen", sagt die Münsteraner Kommunikationswissenschaftlerin Marianne Ravenstein. Die Bereitschaft des breiten Publikums, zusätzliches Geld auszugeben, sei derzeit einfach nicht da. Außerdem herrsche in Deutschland ein "sehr stabiles Medienverhalten". Die Menschen fühlten sich bereits über Kabel und Satellit ausreichend mit Fernsehprogrammen versorgt. Insgesamt hätten die interaktiven Pläne der Fernsehanstalten jedoch bessere Aussichten als der von RealNetworks eingeschlagene Weg.

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