Bruch der transatlantischen Beziehungen
Britische Schlüsselmomente

Für den britischen Premier Tony Blair stand der Irak schon vor dem 11.September 2001 und auch vor George W. Bushs Amtsantritt auf der Tagesordnung. Das Zerwürfnis mit den "alten" Europäern setzte aber erst später ein.

HB/mth LONDON. Tony Blair wusste, dass die USA, nicht Europa der Partner für das Problem "Irak" waren. Auf dem Höhepunkt der Inspektorenkrise 1998 ordneten Blair und Clinton in der "Operation Desert Fox" gemeinsam Luftangriffe gegen den Irak an, während sich Frankreich von der Überwachung der Flugverbotszone zurückzog. Im Frühjahr 1999 warnte Blair die USA vor dem Hintergrund der Kosovokrise in einer großen geopolitischen Rede in Chicago vor dem Isolationismus. Er nannte Slobodan Milosevic und Saddam Hussein als Hauptwurzeln vieler Probleme, mit denen sich die Welt auseinander zusetzen habe und dachte über die Umstände nach, unter denen sich der Westen in die Konflikte anderer Völker einmischen müsse. Kosovo beschrieb er als Präzedenzfall einer interventionistischen Außenpolitik. "Wenn die Nato im Kosovo scheitert, könnte der nächste Diktator an unserer Entschlossenheit zweifeln, wenn wir mit militärischer Gewalt drohen." Das war auf den Irak gemünzt.

In London wurde in den ersten Monaten der Afghanistankampagne 2001 nur hinter vorgehaltener Hand über den Irak gesprochen. Das Codewort lautete "Phase II" im Kampf gegen den Terrorismus. Heute sagt man in Downing Street ganz offen, nur der Einfluss Blairs habe einen Irakkrieg schon im Herbst 2001 verhindert - zweifelhaft ist aus heutiger Sicht, ob Blair der Welt damit einen Gefallen tat.

Anfang 2002 begann man offener über den Irak zu reden. Zwei Wochen nach Bushs "Axis of Evil" Rede bombardierten Briten und Amerikaner gemeinsam irakische Luftabwehrstellungen. Bei einem Telefongespräch am 28. Februar skizzierten Bush und Blair in groben Zügen ihre Strategie. Blair sagte prinzipielle Unterstützung zu, drängte aber auf Einschaltung der Vereinten Nationen und neue Initiativen im Palästinenserkonflikt. Dafür wollte er sich bei den Europäern für eine gemeinsame Linie einsetzen.

Festgemacht wurde dies bei den Gipfeltreffen am 6.April im texanischen Crawford, bei dem sich Bush als erster amerikanischer Präsident für einen lebensfähigen Palästinenserstaat aussprach. Beim Camp David-Gipfel am 6. September erklärte sich Bush endgültig bereit, eine Uno - Resolution zum Irak einzufordern. Viel wurde in diesen Monaten über den Einfluss spekuliert, den Blair tatsächlich auf Bush hat. Blairs Versuch, in Europa für die amerikanische Irakposition zu werben, wurde durch Wahlkämpfe in Frankreich und Deutschland erschwert, aber auch dadurch, dass er sich Blair, im Bestreben, Einfluss auf die USA zu erhalten, rhetorisch enger an Bush band. Immer wieder warnte er, die Uno dürfe nicht ein Instrument werden, die Entwaffnung Saddams zu verhindern.

In London wurde die Arbeit an der Resolution 1441 als Annäherung an die Haltung Frankreichs empfunden. Die Außenminister Jack Straw und Dominique de Villepin entwickelten ein gutes Arbeitsverhältnis, "mein sehr guter Freund Dominic", sagte Straw. Doch Anfang 2003 wurde in Londoner Sicht immer deutlicher, dass Frankreich mit den Waffeninspektionen weniger eine Eindämmung Saddam Husseins, als des amerikanischen Präsidenten Bush im Sinn hatte. Als sich Deutschland und Frankreich im Glanz von Versailles in der Irakpolitik zusammenschlossen, sah man darin ein Trutzbündnis gegen den Einfluss der transatlantischen Anglosphäre. Die Gipfeltreffen Blairs mit Bush am 31. Januar im White House und am 4. Februar in Touquet zeigten, wie der britische Vermittler zwischen die Fronten geraten war.

Zum Bruch kam es, als der französische Präsident Chirac am 10. März in einem Interview sein Veto "unter allen Umständen" ankündigte. Die Briten folgerten, dass Frankreich nach all der Harmonie beim Zustandekommen von Resolution 1441 nun "die strategische Entscheidung traf, 1441 nicht zu implementieren". So erklärte Außenminister Straw den Zusammenbruch der Diplomatie, der zum Azorengipfel, dem Rückzug der so genannten zweiten Uno-Resolution durch Großbritannien und den großen Londoner Parlamentsdebatten vor dem Krieg führte. Immer wurde dabei Frankreich für den Zusammenbruch der Diplomatie verantwortlich gemacht. Chirac, so glaubt man in London, stellte Blair eine Falle. Er wollte die Briten zwingen, sich zwischen Europa und den USA zu entscheiden.

Blair wird trotzdem an der britischen Grundvorstellung einer transatlantischen Brücke festhalten, so lange er kann. Bei seinem jüngsten Camp David-Gipfel reiste er schon wieder als Botschafter des Multilateralismus an. Er wurde sich im Telefongespräch mit Jacques Chirac einig, dass die Uno eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau des Irak spielen müsse.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%