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Bruch mit dem Elfmeter-Fluch: Holland feiert in OrangeDPA-Datum: 2004-06-27 13:38:19

Faro-Loulé (dpa) - Das Trauma besiegt, den Traum vor Augen: Als der böse Elfmeter-Fluch nach zwölf Jahren endlich vertrieben war, feierten die niederländischen Fußballer mit ihren Fans eine rauschende Party in Orange, und sogar der geschmähte Trainer Dick Advocaat durfte mitjubeln.

Faro-Loulé (dpa) - Das Trauma besiegt, den Traum vor Augen: Als der böse Elfmeter-Fluch nach zwölf Jahren endlich vertrieben war, feierten die niederländischen Fußballer mit ihren Fans eine rauschende Party in Orange, und sogar der geschmähte Trainer Dick Advocaat durfte mitjubeln.

Der 5:4-Sieg gegen Schweden im Elfmeter-Krimi von Faro war für die «Oranjes» Höhepunkt einer erstaunlichen Wandlung vom zerstrittenen Haufen zur harmonischen Zweckgemeinschaft. «Es ist eine riesige Erleichterung. Wir haben zuletzt so oft versagt», sagte Topstürmer Ruud van Nistelrooy. Und Elfmeter-Held Arjen Robben jubelte: «Das war der wichtigste Moment meines Lebens.»

Nach Wochen des internen Streits glauben die Niederlande nun sogar an den Titelgewinn. Dem Halbfinale gegen Portugal blickt van Nistelrooy freudig entgegen und eröffnete den verbalen Kampf mit dem Gastgeber. «Der Druck liegt bei Portugal. Sie sind Favorit. Es ist für uns eine riesige Herausforderung. Wir wollen sie mit Stolz in unseren Herzen erfüllen», sagte er. Der im Elfmeterschießen nach einer zuvor torlosen Partie ebenso nervenstarke Roy Makaay traut dem Europameister von 1988 den nächsten Coup zu. «Portugal ist auch schlagbar», sagte der Stürmer vom FC Bayern München.

Nach der unheimlichen Serie von vier verlorenen Elfmeterschießen bei den Europameisterschaften 1992, 1996, 2000 und bei der WM 1998 überließen die Niederländer nichts dem Zufall. Mit der kollektiven Lektüre eines Buches über Mentaltraining bereitete Advocaat seine Spieler auf die Nervenprobe vor. Den Titel seines «Geheimrezeptes» wollte er aber nicht Preis geben. «Es ist ein niederländisches Buch, kein englisches», konnte er sich nur einen Seitenhieb auf die in Portugal im Gegensatz zur «Elftal» nicht von ihrem Elfer-Fluch befreiten Briten nicht verkneifen.

Torwart Edwin van der Sar dürfte das vom Trainer verordnete Werk genau gelesen gehaben. Keinen einzigen Strafstoß hatte der Schlacks bei den Dramen von 1996, 1998 und 2000 pariert. Diesmal wehrte er aber vor Robbens entscheidenden Treffer den Schuss von Olof Mellberg ab und sorgte für das Ausscheiden der erstmals in einem Shoot-Out besiegten Skandinavier.

Zuvor hatten der Schwede Zlatan Ibrahimovic und Hollands Kapitän Phillip Cocu, der schon im WM-Halbfinale 1998 gegen Brasilien versagt hatte, das Tor verfehlt. In einer dramatischen Verlängerung nach zuvor auch wegen der großen Hitze mäßigem Spiel hatten Robben (93.) sowie Schwedens Henrik Larsson (112.) und Fredrik Ljungberg (116.) nur Pfosten und Latte getroffen.

Der größte Sieger bei den Niederlanden heißt vorerst Advocaat. Mit seiner Taktik, auf die Routiniers Edgar Davids, Clarence Seedorf und Frank de Boer statt der Jungstars Wesley Sneijder, Rafael van der Vaart oder Johnny Heitinga zu setzen, hat er Ruhe ins traditionell zerstrittene Team gebracht. Die derbe Kritik an ihm ist vorerst verstummt. Weder Fußball-Ikone Johan Cruyff noch der verbale «Scharfschütze» Jan Mulder («Es ist eine nationale Erleichterung») wagten weitere böse Worte, und auch Ex-Star Ruud Gullit dürfte seine Aussage über die Mannschaft («Man kann aus einer Kuh kein Kaninchen machen») nochmals überdenken.

Dass Advocaat ausgerechnet Seedorf nach dem dramatischen Ende auf dem Rasen herzlich umarmte, hatte mehr als Symbolcharakter. Der Routinier und Elfmeter-Versager von 1996 hatte mit seinen Stammplatzforderungen den Dauerstreit begonnen. Durch den Erfolg scheint das Team geeint. Bei der wohl größten Jubelfeier seit dem EM-Sieg 1988 tanzten die Spieler auf dem Rasen gemeinsam mit ihren Kindern in den Armen. Zu einem Gruppen-Besuch in einer Disco wie einst Gullit & Co nach dem Halbfinal-Sieg vor 16 Jahren gegen Deutschland ließen sie sich aber noch nicht hinreißen.

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