Brüssel kein Vorbild
Europas Stinke-Hauptstadt

In der aktuellen Klimadiskussion kommen viele Vorstöße von der EU. Doch ausgerechnet Brüssel, Hauptsitz der Europäischen Union, geht nicht als gutes Beispiel voran. Im Gegenteil: Die Luftqualität der belgischen Hauptstadt ist häufig "mangelhaft".

BRÜSSEL. Zu Stoßzeiten ist es auf Brüssels Straßen kaum auszuhalten. Fast greifbar fliegen die Rußpartikel durch die Luft, setzen sich auf der Kleidung und in der Lunge der Passanten fest. Die Luftqualität ist - nach offiziellen Angaben des Brüsseler Umweltministeriums auf seiner Internetseite - wieder einmal "mangelhaft". Und das fast tagtäglich. Gewaltige Autolawinen pusten CO2-Abgase in die Luft und schieben sich durch die Stadt, in der die EU-Staats- und-Regierungschefs kürzlich erst ihre weltweit bejubelte Initiative für mehr Klima- und Umweltschutz gestartet haben. "Belgien und Brüssel sind nicht die besten Schüler Europas, was Klimapolitik angeht - im Gegenteil", sagt Karen Jansen vom hiesigen Greenpeace-Verband.

Der Verkehr ist dabei nur eines von vielen Beispielen in der belgischen Hauptstadt, die gleichzeitig die europäischen Institutionen beherbergt. "Als wir kürzlich nach Privatpersonen in Brüssel suchten, die Solarwärme nutzen, haben wir nur ein einziges Haus gefunden", sagt Piet van Meerbeck von der Brüsseler Umweltorganisation Bral. Offizielle Zahlen zum Gebrauch von Solarenergie in Brüssel gibt es nicht. Aber Pascal Devos, Sprecher der Brüsseler Umwelt- und Energieministerin Evelyne Huytebroeck, bestätigt, dass der Anteil "minimal" sei. Die Zahlen für ganz Belgien sprechen für sich: Insgesamt gibt es magere 25 so genannte Passivhäuser, also Gebäude mit sehr geringem Energiebedarf, und während in Deutschland 56 Kilowatt Solarwärme pro 1 000 Einwohner und Jahr produziert werden, sind es im benachbarten Königreich gerade einmal fünf. Insgesamt machen erneuerbare Energien am belgischen Energiemix magere zwei Prozent aus. In Brüssel bietet nur ein einziges Unternehmen "grünen Strom" an.

"Wir haben in Brüssel ein historisches Problem. Die Regierungen bezahlen den Leuten lieber Ölschecks als Zuschüsse für bessere Isolierung", sagt Pascal Devos. Und gerade die Isolierung ist eines der gravierenden Probleme in der belgischen Hauptstadt. 50 bis 60 Prozent der Häuser haben - nach Schätzungen des Umweltministeriums - noch nicht einmal eine Doppelverglasung, die in den meisten europäischen Nachbarländern bereits zum Standard gehört. Ungefähr der Hälfte der Gebäude fehlt auch eine Dachisolierung.

Um die modernen Glasgebäude der EU-Institutionen herum reihen sich wunderschöne Art-Deco- und Art-Nouveau-Häuser. Es sind Zeugen aus anderen Zeiten - auch was die Energieversorgung betrifft: "Wir haben in Belgien eine Isolierung, die schlechter ist als in Spanien, und in Spanien ist es viel wärmer als bei uns", sagt Bram Claeys von der flämischen Umweltorganisation Bond Beter Leefmilieu.

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