Brüsseler Wettbewerbsbehörde befürchtet zu viel Marktkonzentration bei den Wirtschaftsprüfungsgesellschaften
EU sieht Andersen-Fusionen kritisch

Die EU-Kartellbehörde ist nicht begeistert von den geplanten Fusionen der angeschlagenen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen mit Konkurrenten. Ein Verbot der Zusammenschlüsse in Deutschland, Frankreich und Großbritannien ist nicht ausgeschlossen.

BRÜSSEL. Bei den Wirtschaftsprüfungsgesellschaften geht es zu wie bei den zehn kleinen Negerlein: Es werden immer weniger. Vor vier Jahren wurde Coopers & Lybrand vom Konkurrenten Price Waterhouse geschluckt und nun will sich die in den Enron-Skandal verwickelte Firma Arthur Andersen vom Markt verabschieden. Damit droht die Zahl der großen Wirtschaftsprüfer weltweit auf vier zu schrumpfen. Die EU-Wettbewerbsbehörde beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. "Die großen börsennotierten Unternehmen haben kaum noch die Möglichkeit, ihren Abschlussprüfer frei zu wählen oder zu einem anderen Prüfer zu wechseln", hieß es in Brüssel.

Deshalb sehen die EU-Fusionskontrolleure die geplanten Zusammenschlüsse von Arthur Andersen mit Wettbewerbern außerordentlich kritisch. In Deutschland und Frankreich will Andersen mit Ernst & Young fusionieren, in Großbritannien, Italien und den Niederlanden mit Deloitte & Touche. "Dagegen haben wir Bedenken, weil die Zahl der Majors in diesem Geschäft noch stärker reduziert wird", sagte ein EU-Kartellbeamter.

Zwar erlaubte die EU-Kommission Andersen in drei EU-Staaten für eine Übergangszeit eine gewisse Zusammenarbeit mit seinen neuen Partnern. In Deutschland, Frankreich und Großbritannien darf Andersen gewisse Dienstleistungen von Ernst &Young beziehungsweise Deloitte & Touche in Anspruch nehmen, etwa bei Kreditlinien und der Versicherungsdeckung. Das operationelle Geschäft müsse aber strikt getrennt bleiben, warnte ein EU-Beamter. Andersen dürfe die provisorischen Genehmigungen auf keinen Fall als Vorentscheidung interpretieren, hieß es warnend aus der EU-Behörde.

Die eigentliche Fusionsprüfung hat noch gar nicht richtig begonnen. EU-Wettbewerbsbehörde und nationale Kartellämter haben noch nicht einmal geklärt, wer für welche Fälle zuständig ist. Klar ist lediglich, dass Brüssel die Fusionen in den großen EU-Staaten prüft. Grund dafür sind die hohen Umsatzvolumen der vereinigten Unternehmen. In Deutschland zum Beispiel würden Ernst & Young und Arthur Andersen gemeinsam auf einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro kommen. "Damit landet der deutsche Fall auf unserem Tisch", hieß es in Brüssel. Wie mit den Zusammenschlüssen in den kleineren EU-Staaten verfahren wird, ist hingegen noch nicht entschieden.

Das Ergebnis der Brüsseler Fusionsprüfungen dürfte entscheidend davon abhängen, ob Andersen in Europa ohne Partner überlebensfähig ist. Grundsätzlich halten die EU-Fusionskontrolleure dies für möglich. "Außerhalb der USA ist Andersen funktionsfähig und müsste nicht aufgelöst werden", hieß es in Brüssel. Andererseits hänge das Wirtschaftsprüfungsgeschäft sehr stark von der Reputation ab. Nach dem Enron-Skandal hätten diverse Großkunden auch in Europa damit gedroht, Andersen zu verlassen. Offenbar will die EU-Kommission nun genau beobachten, ob diese Kunden ihre Drohung nun wahrmachen.

Ein Fusionsverbot könne auch dazu führen, dass die Andersen-Partner anschließend zur Konkurrenz zu wechseln, obwohl Andersen überlebensfähig sei, hieß es weiter in Brüssel. Vielleicht könne die EU-Kommission also gar nicht verhindern, dass Andersen vom Markt verschwinde. "Insofern stecken wir hier in einem Dilemma", sagte ein EU-Kartellbeamter.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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