Bruttoinlandsprodukt erhöht sich 2001 um 2,8% - Arbeitslosigkeit steigt
Die spanische Wirtschaft verliert an Dynamik

Spaniens Wirtschaft bleibt auf stabilem Wachstumskurs - doch an die Erfolge der Vorjahre kann das iberische Land nicht anknüpfen. Im vergangenen Jahr legte die spanische Wirtschaft um 2,8% zu und übertraf damit das lahme Ergebnis in Deutschland um Längen. Die Voraussagen für 2002 klaffen auseinander.

MADRID. Pablo, Chef des Restaurants "El Obispo" im andalusischen Örtchen Instinción bei Almería, hat alle Hände voll zu tun: Wie jeden Sonntag wollen die Gäste in Kaninchen-, Lamm- und Schweinebraten schwelgen - obwohl die Arbeitslosigkeit in der Region zur höchsten im gesamten Land gehört. In Pablos Küche dampft und brodelt es, Frauen mit blauen Schürzen und roten Gesichtern schieben dem Chef Teller zum Servieren zu: "Die Leute haben Hunger und gehen essen. Daran ändert sich überhaupt gar nichts", sagt der rundliche Endfünfziger und stellt eine den Hauswein, abgefüllt in Wasserflaschen, auf den Tisch: "Wir jedenfalls haben gut zu tun."

Die Statistik bestätigt seinen Eindruck nur bedingt: Zwar essen, trinken und kaufen die Spanier außerhalb der eigenen vier Wände weiterhin kräftig. Aber das Wirtschaftswachstum hat sich im vergangenen Jahr trotzdem deutlich verlangsamt: Um 2,8% ist Spaniens Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2001 gestiegen, meldete die nationale Statistikbehörde INE gestern. Im Vorjahr lag das Plus noch bei 4,1%. Der Vergleich zum Vorjahresquartal zeigt ebenfalls die rückläufige Tendenz: Spaniens Wirtschaftsleistung stieg zwischen Oktober und Dezember 2001 um lediglich 2,4% - so niedrig war die Rate seit 1996 nicht mehr. Immerhin lag das Wachstum weiter deutlich über dem der Euro-Zone, die 2001 nur mit 1,6 % zugenommen hat - ihren Vorsprung haben die Spanier vor allem der Konsumfreude der Verbraucher zu verdanken.

Aber auch, wenn der Privatkonsum 2001 noch eine wichtige Wachstumsstütze war, hat er doch deutlich an Dynamik verloren. Die Zentralbank in Madrid weist für 2001 nur ein Plus im Vorjahresvergleich von 2,6% aus - 2000 waren es noch 4%. Und das, obwohl sich in den Monaten vor Einführung des Euro-Bargelds Meldungen häuften, denen zufolge in Spanien Millionen Peseten Schwarzgeld ausgegeben würden.

"Im dritten Quartal ist der private Konsum ganz empfindlich eingebrochen", berichtet Klaus-Ulrich Braun, Spanien-Experte der DGZ Bank. -Deka Das Vertrauen der Konsumenten "ist stark beeinträchtigt". Noch im Weihnachtsgeschäft sei er von einer schnellen Erholung ausgegangen: "Daran glaube ich jetzt nicht mehr." Für das laufende Jahr rechnet Braun mit einem Wachstum für Spanien von lediglich 1,2 %. Das wäre ein äußerst mageres Ergebnis, das sogar noch unter dem von der EU-Kommission für die Euro-Zone prognostizierten Wachstum von 1,3 % liegen würde. Für Spanien geht die Kommission von 2 % aus. Die Regierung in Madrid prognostiziert 2,4 %, die spanische Großbank BBVA 1,7 %.

Für das kommende Jahr ist Braun indessen optimistisch: 2003 rechnet er mit einem Wirtschaftswachstum von 2,7 %. Einen Grund für die sinkende Wirtschaftskraft sehen Marktbeobachter aus Madrid in der weltweiten konjunkturellen Abschwächung, die sich INE zufolge sowohl auf die heimische als auch die ausländische Nachfrage niedergeschlagen hat.

Zudem seien die verfügbaren Einkommen weniger stark als in den Vorjahren gestiegen, viele Anleger hätten Verluste an den Börsen erlitten. Der Druck dürfte anhalten: Die Arbeitslosigkeit, ohnehin mit knapp 13 % am höchsten in der EU, steigt weiter.

Auch das Geschäftsklima ist schlecht. "In der gegenwärtigen Lage", sagt Braun, "fehlt den Unternehmen der Mut zum Investieren." Die Krise in Argentinien hat dagegen keine großen direkten Auswirkungen auf die Wirtschaftsleistung. Zwar haben spanische Unternehmen Millionenbeträge in Lateinamerika investiert, so auch in Argentinien. Die Rolle des Außenhandels ist aber eher gering. Die Ausfuhren Spaniens nach Lateinamerika machen nur etwa 5 % aus. Schwerer ins Gewicht fällt die Abschwächung der Konjunktur in Europa: 70 % des Exports fließt in die EU-Partnerländer.

Motor der Wirtschaftsentwicklung in Spanien war erneut der Bau, der vor allem dank öffentlicher Aufträge um 5,5 % zulegte. Auch der Tourismus konnte weiter wachsen. Der Sektor trägt gut 12 % zur Wirtschaftsleistung bei. Laut Wirtschaftsminister Rodrigo Rato haben 2001 trotz der Terroranschläge in den USA 3,4 % mehr ausländische Gäste Spanien besucht als 2000.

Zwar ist die Inflation mit rund 3,7 % im Jahresschnitt 2001 im Vergleich zur Euro-Zone (2,6 %) recht hoch, in den vergangenen Monaten hat sich der Preisauftrieb allerdings verlangsamt - vor allem dank niedrigerer Energiepreise. Die "European Economic Advisory Group" von CES-Ifo, ein neuer Siebener-Rat europäischer Top-Volkswirte, sagt Spanien 2,5 % Inflation für 2002 voraus. Christoph Weil, Volkswirt von der Commerzbank, macht sich dennoch Sorgen: Bereits 2003 könnte die Teuerung auf 4 % steigen: "Dadurch verliert Spanien deutlich an Wettbewerbsfähigkeit." Das Problem: Viele Tarifverträge enthalten Klauseln, denen zufolge die Lohnsteigerung an die Inflationsrate angekoppelt werden.

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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