Bruttoinlandsprodukt wächst im zweiten Quartal um 0,3 %
Deutschland fehlen Investitionen

"Mit einem kräftigen Aufschwung wird es in Deutschland vorerst nichts, aber auch eine Rezession steht nicht ins Haus," sagte Joachim Scheide, Leiter der Konjunktur-Abteilung des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel (IfW), nachdem das Statistische Bundesamt gestern die neuen Zahlen zum Wachstum der deutschen Wirtschaft im zweiten Quartal veröffentlicht hatte.

pbs/HB DÜSSELDORF. Von April bis Juni ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,3 % gegenüber dem ersten Quartal gewachsen. Der Anstieg im ersten Vierteljahr wurde auf ebenfalls 0,3 von 0,2 % leicht nach oben korrigiert. Im Jahresvergleich ist das deutsche BIP im zweiten Quartal um 0,5 % gewachsen. Das liegt aber in erster Linie daran an der größeren Zahl der Arbeitstage. Ohne diesen Effekt wäre das Vorjahresergebnis nur um 0,1 % übertroffen worden.

Damit ist die deutsche Wirtschaft von April bis Juni im gleichen Tempo gewachsen wie die US-Wirtschaft. Auch in Europa ist Deutschland nicht mehr das Wachstumsschlusslicht - Italien hat im gleichen Zeitraum nur ein Plus von 0,2 % geschafft, die Niederlande kamen nur auf 0,1 %.

Der von vielen Ökonomen noch in diesem Frühjahr erwartete Wachstumsschub im zweiten Quartal ist indes ausgeblieben. "Der Aufschwung verläuft schleppend", meint Andreas Scheuerle von der Deka-Bank. Nun ruhen die Hoffnungen auf dem zweiten Halbjahr. Das Bundesfinanzministerium rechnet mit "einer deutlichen Belebung in der zweiten Jahreshälfte" und bestätigt seine Prognose von einen Dreiviertelprozent Wachstum im Gesamtjahr. Viele Banken-Ökonomen sind pessimistischer: Die Bank HSBC hat ihre Prognose auf 0,5 von zuvor "gut 0,9 %" für dieses und auf 2 von 2,2 % für das kommende Jahr gesenkt. Mit 0,5 % rechnen auch die Investmentbank Morgan Stanley sowie die WestLB. Auch das IfW - bislang mit einer Prognose von 1,2 % das optimistischste der sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute - kündigte gestern an, seine Vorhersage nach unten korrigieren zu wollen. Die übrigen Forscher erwarten für 2002 zwischen 0,6 und 0,8 %, im nächsten Jahr rechnen sie mit 2,0 bis 2,5 %.

Insgesamt sind die neuen Wachstumszahlen aus Sicht von Ökonomen nicht gerade ermutigend. Denn der Zuwachs beim privaten Konsum wurde durch den Einbruch der Investitionen überkompensiert. Den größten Wachstumsbeitrag lieferte mit 0,8 Prozentpunkten die Lagerhaltung. Der Lagerabbau verringerte sich im Quartalsvergleich um 4 Mrd. Euro. Ohne diese Vorratsinvestitionen wäre das BIP sogar um 0,5 % geschrumpft.

Immerhin haben die privaten Haushalte im zweiten Quartal erstmals seit einem Jahr - wenn auch nur geringfügig - mehr Geld ausgegeben. Im Jahresvergleich gingen die Ausgaben allerdings erneut um 1,2 % zurück. Viele Ökonomen befürchten jetzt, dass die Konsumlust unter der geplanten Verschiebung der Steuerreform leiden wird. Für IfW-Forscher Scheide stellt das Verschieben "ein großes Problem für die Konjunktur im nächsten Jahr" dar. Auch Anton F. Börner, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels, sagte gestern: "Ein Aussetzen der Steuerreform nimmt der inländischen Nachfrage die letzte Kraft."

Positive Effekte für die Gesamtwirtschaft erwartet dagegen Wirtschaftsminister Werner Müller. "Das Geld, das zum Wiederaufbau nach dem Hochwasser dient, wird wie ein Konjunkturprogramm wirken." Gleicher Meinung ist Konjunkturexperte Gustav Horn vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. "Wenn etwa 10 Mrd. Euro investiert werden, wären das 2,5 % des ostdeutschen Bruttoinlandsprodukts" - das werde Spuren hinterlassen. Die Ökonomen glauben aber auch, dass der öffentliche Haushalt durch die Flut sichtbar belastet wird. Das Maastricht-Ziel von einem Defizit unterhalb von 3  % des BIP werde 2002 sehr wahrscheinlich überschritten, schätzt Ulrich Hombrecher, Chef-Volkswirt bei der WestLB.

Schlecht steht es weiterhin auch um die Investitionen: Ausrüstungsinvestitionen gingen gegenüber dem ersten Vierteljahr um 1,6% zurück und schrumpften damit das siebte Quartal in Folge. Das ist angesichts nicht ausgelasteter Kapazitäten und verhaltener Absatzperspektiven nicht verwunderlich. Die Bauinvestitionen brachen sogar um 3,5 % ein - das ist der stärkste Rückgang seit Anfang 1997.

Auch der Außenhandel lieferte im zweiten Quartal keinen Impuls. Zwar sind die Exporte weiter gestiegen. Gleichzeitig haben aber die Importe stärker zugelegt. Noch in den fünf vorangegangenen Quartalen waren die Einfuhren jeweils gesunken.

Schon für das dritte Quartal erwarten die Ökonomen der Commerzbank eine Belebung der Konjunktur. Die Industrie hat im zweiten Quartal 2,1 % mehr Aufträge bekommen als im ersten, begründen sie ihren Optimismus. Zudem dürfte der Konsum im Sommer zumindest kurzfristig von höheren Tariflöhnen profitieren. Auch die niedrigere Teuerungsrate werde stimulierend wirken. Die Leitzinsen seien mit einem Schlüsselzins von 3,25 % derzeit niedrig und würden die Konjunktur anschieben, meint Scheide. "An der Geldpolitik liegt es nicht, dass wir einen schwachen Aufschwung haben."

Quelle: Handelsblatt

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